Ein Duo mit großen Ambitionen
24. Januar 2023 Zurück zur Artikelübersicht »
Tristan und Quentin auf einem Fußballplatz.

Quentin (rechts) und Tristan bilden gemeinsam ein besonderes Gespann.

Zwei junge Rheinland-Pfälzer bilden ein besonderes Gespann. Der 16-jährige Tristan coacht zusammen mit seinem zwei Jahre älteren Bruder Quentin eine inklusive Mädchen-Mannschaft. Die Besonderheit: Quentin hat das Down-Syndrom. Bei der von der DFB-Stiftung Sepp Herberger und der DFL Stiftung unterstützten „Tandem Young Coach Ausbildung“ der Football Club Social Alliance haben sich die zwei im vergangenen Jahr das Rüstzeug für ihre weitere Trainerkarriere geholt.

Stefanie Thomann zögert ein wenig, bevor sie zwei Sätze spricht, die man zunächst für ein wenig kitschig halten könnte. Dann kommen ihr die Worte aber doch über die Lippen: „Das ist wohl der Zauber des Fußballs“, sagt sie. „Wenn mal der Ball rollt, gibt es keine unnötigen Hemmschwellen mehr, kein die und wir, dann sind einfach alle gemeinsam mit voller Begeisterung dabei.“ Die Rheinland-Pfälzerin macht diese Beobachtung regelmäßig. Als Jugendleiterin beim 1. FFC Kaiserslautern verfolgt sie seit einigen Wochen, was sich bei den Einheiten des neuen inklusiven Juniorinnen-Teams so tut. Und Thomann hat gewissermaßen auch den Blick hinter die Kulissen. Schließlich ist sie nicht nur Jugendleiterin im Klub, sondern auch Mutter der beiden Trainer der Mannschaft. Der 16-jährige Tristan und sein zwei Jahre älterer Bruder Quentin sind das Gespann, das in der Vorbereitung und auf dem Platz die Strippen zieht.

Die beiden bilden ein Duo, das sich anschickt, ein Team aufzubauen und zudem ihre Außergewöhnlichkeit zur Gewöhnlichkeit zu machen. Quentin hat das Down Syndrom, ein Handicap, das ihn in seiner Leidenschaft für den Sport nicht einen Millimeter bremst, doch aber zu einem besonderen Trainer mit einem außergewöhnlichen Team macht. Denn inklusive Angebote für Aktive und Coaches mit Behinderung sind nicht überall anzutreffen. „Es sollte möglichst für jeden gut möglich sein, Sport zu treiben – egal ob mit oder ohne Behinderung“, sagt Stefanie Thomann. Vor einigen Jahren habe es kaum Angebote gegeben. Das war auch ein Grund für die Familien, eine Weile in den USA zu leben. Seit sechs Jahren sind die Thomanns zurück in Deutschland. „Wo sich inzwischen etwas tut“, wie die Mutter betont.

Diesen Wandel will auch die DFB-Stiftung Sepp Herberger unterstützen. „Denn die Fußballfamilie sollte genauso bunt und vielfältig sein wie die Gesellschaft insgesamt. Daher setzen wir uns dafür ein, dass noch mehr Menschen mit Handicap den Weg in die Fußballvereine finden“, macht Stiftungsgeschäftsführer Tobias Wrzesinski deutlich.

Die inklusive Fußballmannschaft des 1. FFC Kaiserslautern.

Die inklusive Mädchenmannschaft der “Roten Teufel” beim 1. FFC Kaiserslautern.

Tandem-Ausbildung vermittelt Wissen

Tatsächlich gehören Menschen mit Behinderung inzwischen in vielen Vereinen mit großer Selbstverständlichkeit zur Vereinsfamilie. Sie treiben Sport auf dem Platz und bringen sich im Klub ein – als Schiedsrichter, Betreuer oder Ehrenamtler. Auch auf der Trainerbank oder als Übungsleiterassistent – im Handicap-Fußball bieten sich spannende Entwicklungsfelder. Das gilt insbesondere, wenn man dabei nicht allein ist: Gemeinsam mit einem Tandem-Partner oder einer Tandem-Partnerin ohne Behinderung werden die Aufgaben den individuellen Stärken entsprechend aufgeteilt und Teams gemeinsam geführt. Genau hier setzen die DFB-Stiftung Sepp Herberger und die DFL Stiftung mit der Unterstützung der „Tandem Young Coach Ausbildung“ an, die von der Football Club Social Alliance (Allianz europäischer Profifußballklubs) organisiert wird. Das Qualifizierungsangebot hat zum Ziel, Jugendliche und junge Erwachsene mit und ohne Behinderung gemeinsam zu befähigen, im Handicap-Fußball als Trainerin oder Trainer Verantwortung zu übernehmen. Die DFB-Stiftung Sepp Herberger und die DFL Stiftung übernehmen dabei Übernachtungs-, Verpflegungs- und Ausbildungskosten. Der nächste Lehrgang findet vom 14. bis zum 20. Mai 2023 in der Sportschule Hennef statt.

Beim letztjährigen Lehrgang im Nachwuchsleistungszentrum und der MEWA-Arena des 1. FSV Mainz 05 zählten Quentin und Tristan Thomann zu den 24 Teilnehmenden – und die zwei, die sich bereits zuvor zum Teamleiter Jugend hatten ausbilden lassen, waren begeistert von den Inhalten. „Es hat viel Spaß gemacht“, berichtet Quentin über die abwechslungsreiche Ausbildung, die von Experten im Handicap-Fußball, wie beispielsweise vom SV Werder Bremen oder von Bayer 04 Leverkusen geleitet wird. In Theorie- und Praxiseinheiten erfuhren die beiden Nachwuchstrainer vieles über die Grundlagen der Planung und Gestaltung von Übungseinheiten im Handicap-Fußball. Mitgenommen haben sie viele Eindrücke und ein Handbuch mit reichlich Tipps und Ideen für das wöchentliche Training mit dem heimischen Team.

Die Mannschaft posiert auf dem Fußballfeld.

Zehn Spielerinnen im Alter von acht bis 13 gehören dem Team an.

Ex-Profi Nico Bungert überreichte Urkunden

Krönender Abschluss der Zeit in Mainz war die Übergabe der Ausbildungsurkunde durch Niko Bungert, den ehemaligen Kapitän und heutigen Botschafter des 1. FSV Mainz 05. „Das war ein absolutes Highlight“, so Quentin, der Bungerts Weg schon länger verfolgt hatte und ihn sogar über verwandtschaftliche Kontakte bereits kannte. Sein Fußball-Herz schlägt aber weniger für Mainz 05 als für den FC Bayern München. „Julian Nagelsmann ist auch eines meiner Vorbilder“, macht er klar. Sein jüngerer Bruder drückt derweil Borussia Mönchengladbach die Daumen.

Beim Training arbeiten die beiden dennoch Hand in Hand. Derzeit zählen knapp zehn Mädchen mit Handicap im Alter von acht bis 13 Jahren zu ihrem Team. Weitere Interessentinnen sind gerne gesehen. Hinzu kommen vier 14-Jährige Spielerinnen aus dem B-Juniorinnen-Kader des 1. FFC Kaiserslautern, zu denen mit Vivien Thomann auch die Schwester der beiden Trainer zählt. „Ich freue mich immer auf den Freitag, wenn wieder Training ist“, erklärt Quentin.

 

Jede Menge Spaß auf dem Platz

Den Spaß bei den Einheiten teilen die beiden Trainer mit allen anderen. Mutter Stefanie sieht noch einen besonderen Vorteil für die Aktiven ohne Behinderung. „Die Begegnungen und der Austausch mit Menschen mit Handicap erweitern ungemein den Horizont. Wer bei dem inklusiven Team dabei ist, wird sein ganzes Leben lang viel unbefangener mit Menschen mit Behinderung umgehen“, ist sie überzeugt. Ihre Initiative, ein inklusives Team auf die Beine zu stellen, hat sich also zu einer Erfolgsgeschichte entwickelt, die auch im Verein Anklang findet. „Die Angebote müssen vielfältiger werden. Das fanden alle von Anfang an gut“, so Stefanie Thomann.

Damit ist das Ziel aber noch nicht erreicht. Das Team soll weiter wachsen. Und nach der Teilnahme am inklusiven FußballFreunde-Cup der DFB-Stiftung Sepp Herberger und der DFL Stiftung auf dem Gelände des Nachwuchsleistungszentrums des 1. FC Kaiserslautern im vergangenen Herbst sollen bald weitere Freundschaftsspiele folgen. Der Zauber des Fußballs wird also bei Tristan und Quentin Thomann so schnell nicht verfliegen.

Noch bis zum 10. Februar können sich Interessierte um einen Platz bei der Tandem-Ausbildung 2023, die vom 14. bis zum 20. Mai in Hennef stattfindet, bewerben. Weitere Informationen und das Bewerbungsformular finden Sie hier.