DFB-Vizepräsident Schaffert: „In jedem Landesverband eine Inklusionsliga“
13. Mai 2022 Zurück zur Artikelübersicht »

DFB-Vizepräsident Ralph-Uwe Schaffert war schon am Vorabend aus Niedersachsen nach Karlsruhe gereist, um sicherzustellen, dass er beim Saisonstart der Blindenfußball-Bundesliga am Samstag früh um 9.30 Uhr dabei sein konnte. Mitte März war der 65 Jahre alte Hildesheimer auf dem DFB-Bundestag in Bonn in das Präsidium eingezogen. Seitdem ist Inklusion als Themenfeld im DFB-Präsidium vertreten – erstmals in der 122-jährigen Geschichte des sieben Millionen Mitglieder starken Verbandes. Vor der malerischen Kulisse des Karlsruher Schlosses sprach der pensionierte Richter über sein erstes Ziel, wenn es darum geht, dass künftig mehr Menschen mit einer Beeinträchtigung ein Angebot zum Fußballspielen erhalten.

DFB.de: Herr Schaffert, „Fußball für Alle“ heißt es in einem DFB-Spot, der vor den Länderspielen läuft. Sind Sie der Garant dafür, dass es um mehr als bunte Bilder geht?

Ralph-Uwe Schaffert: Nicht nur mein Wirken stellt das sicher – wir alle beim DFB meinen es ernst mit diesem hier zu einem griffigen Slogan verdichteten Anspruch. Die Zugänglichkeit für alle Menschen, das ist doch der Geist des Fußballs per se.

DFB.de: Was geschieht konkret für Fußballspieler*innen mit einer Behinderung?

Schaffert: Der DFB ist finanziell ein Förderer der Stiftungen. Und ein Schwerpunkt insbesondere der DFB-Stiftung Sepp Herberger ist die Inklusion. Die Blindenfußball-Bundesliga etwa gibt es bereits seit 2008, in jedem Landesverband ist ein*e Inklusionsbeauftragte*r installiert. Die Landes- und Regionalverbände haben die Zeichen der Zeit erkannt. Aus meinem Landesverband Niedersachsen etwa wurde zuletzt der Verein Handicap Kickers aus Hannover, bei denen Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam Fußball spielen, bei den Sepp-Herberger-Awards für die inklusive Arbeit ausgezeichnet. Die dort gelebte Begeisterung für den Fußball ist ohnehin schwer zu toppen.

DFB.de: Was wollen Sie im DFB-Präsidium im Bereich Inklusion bewirken?

Schaffert: Mein erstes Ziel ist es, in jedem Landesverband eine Inklusions-Spielklasse anzubieten. Menschen ohne und Menschen mit einer Beeinträchtigung sollen gemeinsam dem runden Leder hinterherlaufen.

DFB.de: Bis wann wollen Sie so weit sein?

Schaffert: 2027 ist eine realistische Größenordnung. Und wenn uns dann noch ein oder zwei Landesverbände fehlen, sind wir trotzdem einen großen Schritt weitergekommen. Wir müssen uns bewegen und auf die Menschen mit einer Beeinträchtigung zugehen.

DFB.de: Das sind Zukunftspläne. In der rauen Wirklichkeit tun sich Vereine schwer, wenn ein behinderter Fußballer anklopft und mitspielen will.

Schaffert: Eine Bezirksligamannschaft wird sich bei einem Großteil der Formen einer Behinderung schwer tun, eine solche Fußballerin oder einen solchen Fußballer aufzunehmen. Wir müssen stattdessen Spielklassen schaffen, in die Menschen gehen, weil sie Spaß am Miteinander haben, weil sie Vielfalt erleben und nicht, weil sie unbedingt gewinnen wollen. Viele suchen den Kick des Siegens, des harten Wettbewerbs. Viele andere aber erleben Fußball als ein Gemeinschaftserlebnis und einen persönlichen Gewinn. Der „Glaub‘ an dich“-Cup in München etwa ist genauso ein Wettbewerb.

DFB.de: Auf dem DFB-Bundestag in Bonn wurde Antrag 47 verabschiedet, die sogenannte „Öffnungsklausel Inklusion“. Worum geht es dabei?

Schaffert: Mich hat es sehr gefreut, dass der DFB-Bundestag Antrag 47 einstimmig gebilligt hat. Bei der sogenannten „Öffnungsklausel Inklusion“ geht es darum, dass Eltern ihr behindertes Kind zurückstellen können, dass etwa ein körperbehindertes Mädchen zwei Jahre länger in der D-Jugend spielen darf. Dass wir den Fußball für behinderte Menschen zugänglich machen, ist doch eine absolute Selbstverständlichkeit, man denke nur an die Behindertenrechts-Konvention der Vereinten Nationen. Wir müssen und wollen Inklusion leben. Dafür bedarf es nicht nur finanzielle Mittel. Wir müssen Berührungsängste in den Vereinen abbauen. Alles was ich als zuständiger DFB-Vizepräsident dazu beitragen kann, will ich gerne tun.

DFB.de: Die Blindenfußball-Bundesliga startet hier in Karlsruhe in die 15. Saison. Nun hat die DFB-Stiftung Sepp Herberger auch die Förderung der Nationalmannschaft übernommen. Wie zufrieden sind Sie mit dem, was der DFB und die DFB-Stiftungen für einen inklusiven Fußball leisten?

Schaffert: Wir stehen immer noch am Anfang. Bislang gab es keine Zuständigkeit für das Thema im Präsidium. Das hat sich jetzt geändert. Inklusion wird uns also künftig direkt beim DFB beschäftigen, nicht nur mit den Stiftungen als Mittler. Wir sind heute schon aktiv, wenn es um barrierefreie Stadien für Fans geht, etwa bei den Heimspielen der Nationalmannschaften. Inklusion darf kein Feigenblatt sein.

DFB.de: Besuchen Sie die Nationalmannschaft bei der Europameisterschaft in Italien im Juni?

Schaffert: Die Spieler würde es vielleicht freuen und meinen Besuch als Anerkennung werten, aber vielleicht sind das ein paar tausend Euro, die wir an anderer Stelle sinnvoller einsetzen können. Ich bin entschieden gegen jede Form von „Funktionärstourismus“. Nein, das Geld investieren wir lieber in kluge Maßnahmen, etwa in dem wir Ausrüstung stellen oder ärztliche Betreuung sicherstellen.

DFB.de: Als Sie im Sommer vor einem Jahr als Vorsitzender Richter des Oberlandesgerichts Celle in den Ruhestand verabschiedet wurden, sagten Sie „Läbbe gehd weida“. Das kann man angesichts der vielen neuen Aufgaben, die Sie übernommen haben, jetzt schon so sagen.

Schaffert: Ich muss gestehen, dass ich den Zeitaufwand nicht richtig eingeschätzt habe. Als DFB-Vizepräsident „für sozialpolitische Aufgaben, DFB-Stiftungen und Satzungsfragen“ bin ich für die drei Stiftungen zuständig, dazu auch federführend verantwortlich für die DFB-Satzungen und -Ordnungen. Neben einer beruflichen Tätigkeit jedenfalls wäre meine jetzige Belastung durch den Fußball nicht zu leisten. Dennoch fühle ich mich gut gewappnet, vor allem, weil ich mich mit meinen Vorgängern Dirk Janotta, Eugen Gehlenborg und Karl Rothmund ausgetauscht habe. Die ersten sechs Wochen jedenfalls haben Spaß gemacht. Neben den Stiftungen hat mir der DFB weitere Aufgaben zugeordnet, etwa den Vorsitz des Zulassungsbeschwerde-Ausschusses und als Mitglied der DFB-Delegation Frauen-Nationalmannschaft. Dazu bin ich Präsident des Norddeutschen Fußball-Verbandes und werde voraussichtlich beim nächsten Verbandstag das Präsidentenamt in Niedersachsen übernehmen. Wer nicht schnell genug Nein sagt, hat halt Pech gehabt (lacht).

DFB.de: Sie selbst haben über Jahrzehnte selbst Fußball gespielt und hörten erst mit 52 Jahren auf. Was hat Ihnen am aktiven Fußball am meisten Freude bereitet?

Schaffert: Der Wettkampf auf dem Platz. Es hat Spaß gemacht, sich zu verausgaben und vielleicht mal besser zu sein als der Gegenspieler oder die gegnerische Mannschaft. Ich habe zudem fast 13 Jahre als Trainer mit einer B+ – Lizenz im Mädchen- und Frauenfußball gearbeitet. Damals haben wir mit meiner U14 am „Gothia Cup“ in Göteborg teilgenommen, dem weltweit größten Nachwuchsturnier. Etwa 1600 Mannschaft aus rund 70 Ländern nehmen dort jedes Jahr teil. In der Mädchen-Altersklasse U 14 standen wir unter 85 teilnehmenden Mannschaften am Ende auf dem 3. Platz. Das war ein fantastisches Erlebnis.

DFB.de: Sie haben auch mal die Mannschaft ihrer Tochter in die Oberliga Niedersachsen geführt.

Schaffert: Wir fingen in der Kreisliga an und sind bis in die Oberliga marschiert. Mit einer Ausnahmegenehmigung sind wir damals auch in einer Jungenstaffel angetreten. Das war leider grenzwertig. Sportlich hatten wir ein ausgeglichenes Punktekonto und auch mit den Jungs auf dem Platz war es nicht schwierig. Aber wenn wir gewonnen haben, konnten die Eltern der Jungs damit gar nicht umgehen. Würde ich nicht noch mal machen.

DFB.de: Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg wünscht sich, dass in der Praxis mehr Mädchen gegen und mit Jungs Fußball spielen. Wie sehen Sie diese strukturelle Frage?

Schaffert: Na ja, ich halte es für sinnvoll, dass sehr talentierte Mädchen auch in einer Jungenmannschaft mitspielen dürfen. Gleichzeitig aber werden ab dem 12. Lebensjahr die körperlichen Unterschiede doch sehr deutlich. Die Jungs laufen die Mädchen irgendwann einfach über den Haufen. Die sind fast zwei Köpfe größer und 30 Kilogramm schwerer und müssen nicht mal besonders gut Fußball spielen können. Es wird dann eher kontraproduktiv, weil manche Mädchen einfach die Lust am Fußball verlieren. Aber besonders talentierte Mädchen, da stimme ich der Bundestrainerin zu, sollten möglichst lange bei den Jungs mitspielen. Einfach weil sie handlungsschneller werden und lernen, körperbetonter Fußball zu spielen. Aber diese Öffnung zu generalisieren, würde ich aus meiner persönlichen Erfahrung heraus sehr skeptisch sehen.