Interview mit Hansi Flick: „Oft ist es gut, mehr die Chancen in den Blick zu nehmen“
10. Dezember 2021 Zurück zur Artikelübersicht »

Hansi Flick ist in das Kuratorium der DFB-Stiftung Sepp Herberger berufen worden. Im Interview erzählt der Bundestrainer, was ihn dazu bewegt hat und welche von Sepp Herbergers Weisheiten ihm besonders gut gefällt.

Herr Flick, Sie sind dem Kuratorium der DFB-Stiftung Sepp Herberger beigetreten. Wie kam es dazu?

Portraitfoto von Hansi Flick vor grünem Hintergrund.

Flick: „Für mich ist es Verpflichtung und Ehre zugleich, mich noch mehr zu engagieren“.

Ich wurde gefragt, ob ich es gerne machen will, und ich wollte. Es gab in der Vergangenheit auch schon Überschneidungen, sehr gerne erinnere ich mich an einen Besuch in der Sepp-Herberger-Grundschule in Weinheim-Hohensachsen. Ich weiß, dass die Stiftung wichtige Arbeit leistet – das Erbe von Sepp Herberger ist dort in guten Händen, seine Gedanken und seine Werte werden über die Stiftung vorbildlich transportiert. Für mich ist es daher Verpflichtung und Ehre zugleich, mich nun als Bundestrainer in diesem Bereich noch mehr zu engagieren. Ich freue mich auf die Zusammenarbeit mit dem Stiftungsteam und natürlich mit meinen Kolleginnen und Kollegen im Kuratorium. Otto Rehhagel und Uwe Seeler gehören dazu – schon das ist Grund genug, dem Kuratorium beizutreten. Aber nicht nur die beiden, ich könnte noch viele andere nennen, Rea Garvey und Lars Klingbeil zum Beispiel. Auch auf den Austausch mit Alexander Fangmann bin ich gespannt, dem Kapitän der Blindenfußball-Nationalmannschaft.

In der vergangenen Woche ist Horst Eckel gestorben, als letzter der Weltmeister von 1954. Er war ebenfalls Mitglied im Kuratorium.

Mich hat der Tod von Horst Eckel bewegt. Nun ist der letzte Weltmeister von 1954 gestorben, das ist schon eine Zäsur. Es ist aber nicht so, dass ich ihm im Kuratorium nachfolge. Die Entscheidung dafür wurde schon vorher getroffen. Dass Horst Eckel fast ein Vierteljahrhundert Repräsentant der Stiftung und Kuratoriumsmitglied war, verleiht der Arbeit in diesem Gremium allerdings noch größere Bedeutung. Überhaupt zeigt sich an vielen Persönlichkeiten, die sich in der Vergangenheit für die Stiftung engagiert haben, wie bewusst sich der DFB und seine Protagonisten der sozialen Verantwortung sind. Fritz Walter ist dafür ein gutes Beispiel, über knapp drei Jahrzehnte war er immer zur Stelle, wenn die Stiftung ihn brauchte, aber auch viele andere kann man hier nennen. Ottmar Hitzfeld gehört zu den Botschaftern, Tina Theune auch, ebenso Nadine Keßler, früher Oliver Kahn. Nun selbst in dieser Tradition zu stehen und die Stiftungsarbeit zu unterstützen, empfinde ich als große Auszeichnung.

Drei Männer vor dem Banner der Stiftungen.

Hansi Flick (Mitte) erhält die Berufungsurkunde von Michael Herberger (li) und Tobias Wrzesinski.

Was verbinden Sie mit Sepp Herberger?

In erster Linie natürlich das, was die meisten Fußball-Fans im Kopf haben: Das Wunder von Bern. Alle Fußballer in Deutschland profitieren bis heute von dem, was Sepp Herberger mit seiner Elf einst geleistet hat. Damals sind Vorbilder entstanden, denen die folgenden Generationen nachgeeifert haben. Für mich ist klar: Die Entwicklung des Fußballs in Deutschland wäre eine andere gewesen ohne Sepp Herberger. Er hat in 28 Jahren als Bundestrainer ganz maßgeblich die Entwicklung des Fußballs in Deutschland beeinflusst, gerade wir Trainer profitieren heute noch von Ideen, die er vor Jahrzehnten entwickelt hat. Mein Bezug zu Herberger geht aber darüber hinaus. Er stammt wie ich aus der Metropolregion Rhein Neckar. Wenn man in dieser Region aufwächst und ein Herz für den Fußball entwickelt, kommt man am Namen Herberger schon früh noch weniger vorbei als im Rest des Landes. Ich habe aber auch persönliche Beziehungen zur Familie. Ich kenne Michael Herberger ganz gut, Sepp Herbergers Urgroßneffen. Auch er gehört dem Kuratorium an, auch auf das Wiedersehen mit ihm freue ich mich sehr.

Haben Sie unter Herbergers Weisheiten eine Lieblingsweisheit?

Das ist schwierig. Ein Spiel dauert 90 Minuten – das stimmt ja immer seltener. Manchmal kam mir bei den Bayern – aber auch schon zuvor – ein Spruch in den Sinn, der nicht zu den Klassikern gehört, der aber, glaube ich, von ihm stammt. „Der Ball ist unser Dolmetscher“ hat Herberger einmal gesagt, wobei ich den Zusammenhang nicht kenne, in dem dieses Zitat gefallen ist. Aber ich habe es genau in dieser Weise erlebt. Die Sprache des Fußballs ist universell; es ist erstaunlich, wie schnell Spieler, die keine gemeinsame Sprache haben, auf dem Platz ein blindes Verständnis entwickeln und fast selbstverständlich kommunizieren können.

Gibt es Aspekte der Stiftungsarbeit, die Ihnen besonders am Herzen liegen?

Mir liegt es am Herzen, dass wir uns mit der Stiftung im Sinne von Sepp Herberger für Menschen einsetzen, denen es schlechter geht, Menschen, die Hilfe und Unterstützung benötigen. Ich will dabei thematisch eigentlich nichts besonders hervorheben. Das Thema Inklusion vielleicht. Blindenfußball finde ich faszinierend, die Leistungen blinder und sehbehinderter Fußballer sind komplett außerhalb meiner Vorstellungskraft. Die Resozialisierungsprojekte imponieren mir, die vielen Besuche in Haftanstalten haben ja Tradition in der Stiftung. Ich bin ein Befürworter des Gedankens, der dahintersteht: Wir dürfen die Opfer der Taten nie vergessen, und dennoch ist es oft lohnend, Menschen, die schlimme Fehler gemacht haben, eine zweite Chance zu geben. In einem anderen Bereich zwar, aber natürlich ist man auch als Trainer nicht selten mit der Situation konfrontiert, aus der Vergangenheit die richtigen Schlussfolgerungen zu ziehen, die Fehler zu verzeihen und auf das Potential der Spieler zu setzen. Oft ist es gut, mehr die Chancen in den Blick zu nehmen als die Risiken. Das gilt für den Fußball – und das gilt auch für das Leben.