Dieter Denneborg: Malocher für die gute Sache
21. Juni 2021 Zurück zur Artikelübersicht »

Dieter Denneborg ist bei der SSV Buer weit mehr als nur Platzwart. Er ist Ansprechpartner für alle Fälle und leistet mit seiner pragmatischen Art wertvolle Resozialisierungsarbeit. Sein Verein wurde dafür mit der Sepp-Herberger-Urkunde ausgezeichnet.

Dieter Denneborg auf einer Treppe in einem nachgemachten Bergwerkstollen

Dieter Denneborg verwandelte die Treppe hinunter ins Untergeschoss in einen Bergwerksstollen.

Den Gang unter Tage tritt Dieter Denneborg erst jetzt im Ruhestand regelmäßig an. Nach Vorbild des Spielertunnels in der Arena des FC Schalke 04 hat der 67-jährige Platzwart die Treppe hinunter ins Untergeschoss des Vereinsheims der SSV Buer mit Bauschaum und schwarzer Farbe in einen Bergwerksstollen verwandelt. „Sieht nicht schlecht aus“, sagt er und lächelt. Wohl auch, weil die Kulisse deutlich weniger furchteinflößend ist als das Original. „Unter Tage zu arbeiten habe ich mich nicht getraut. Ich hatte immer Platzangst“, sagt Denneborg. Als Sohn eines Bergmanns, aufgewachsen in Gelsenkirchen-Buer, im Herzen des Kohlenpotts, ist er dennoch auf der Zeche gelandet. Er hat als Lagerist des Steinkohlebergwerks Bergmannsglück dafür gesorgt, dass den Schachtanlagen der Umgebung nie das Material ausging.

Dieter Denneborg vor dem Eingang des Stadions Löchterheide

Dieter Denneborg ist einer, der anpackt. Einer, der „malocht“.

Pragmatismus und Offenheit

Das ist lange her. 2004 ging Denneborg in Vorruhestand und inzwischen gibt es auch keine Grube mehr, die mit Material versorgt werden müsste. Das Ruhrgebiet hat sich nach vielen Jahrzehnten vom Bergbau verabschiedet und diese Epoche doch tief in seiner Seele bewahrt. Geblieben ist die für die Menschen der Region so typische Mischung aus Pragmatismus und Offenheit, die es ermöglicht, sich trotz aller Unterschiede als Gemeinschaft zu verstehen und miteinander zu arrangieren. Bei all den guten Voraussetzungen braucht es aber auch dort Menschen, die zupacken, ankurbeln oder – wie man im Ruhrgebiet sagt – malochen, um etwas Gutes zu bewirken. „So einer ist der Dieter“, betont Andrea Weichert, die bei dem Traditionsverein für Sponsoring und Öffentlichkeitsarbeit verantwortlich ist. Offiziell kümmert sich Platzwart Denneborg als 450-Euro-Kraft lediglich um die Anlage Löchterheide, zu der Aschen-, Kunstrasen und Rasenplatz gehören. Doch in Wahrheit ist er Ansprechpartner für alle Fälle und leistet mit seinem Engagement auch einen wertvollen Beitrag im Bereich der Resozialisierung.

Der Weg zurück in die Gesellschaft

Dieter Denneborg und ein weiter Mann sitzen an einem Tisch im Vereinsheim

Für ihr Engagement wurde die SV Buer bei der Verleihung der Sepp-Herberger-Urkunden mit dem ersten Platz ausgezeichnet.

Seit mehr als fünf Jahren begleiten die ehrenamtlichen Kräfte der SSV Buer um Denneborg Menschen, die strafwürdige Delikte begangen haben, auf ihrem Weg zurück in die Gesellschaft. „Bei uns leisten Leute ihre Sozialstunden ab“, erklärt Weichert. Eingefädelt habe das Denneborg. Was so simpel und selbstverständlich klingt, dürfte vielerorts höhere Wellen schlagen. „Wir wollen das hier gar nicht so hoch hängen“, meint Weichert. Man verstehe sich nun einmal seit den Anfängen von Bergbau und Industrialisierung als Schmelztiegel der Kulturen, als vielschichtige Gesellschaft, die zusammenhalten müsse, damit der Alltag funktioniere. „Da gehört es dazu, sich auch um die Menschen zu kümmern, die Mist gebaut haben“, findet sie. Ohnehin betrachtet sie jene Teenager, Männer und Frauen nicht mit anderen Augen als alle anderen. „Die haben auch zwei Arme, zwei Hände, zwei Füße und eine Nase“, erteilt sie allen Vorurteilen eine klare Abfuhr. Dennoch habe man sich vor dem Einstieg in die Zusammenarbeit mit dem örtlichen Amtsgericht im Klub auf eine gemeinsame Linie verständigt. „Bei so einem Projekt reicht es nicht, wenn Einzelne dahinterstehen. Es muss vom gesamten Verein getragen werden“, erklärt Weichert.

Auszeichnung mit Sepp-Herberger-Urkunde

Dass dieses Engagement einmal bundesweit Beachtung finden würde und die SSV Buer im Frühjahr bei der Verleihung der Sepp-Herberger-Urkunden den mit 5.000 Euro dotierten ersten Platz in der Kategorie Resozialisierung belegen würde, war weder geplant noch absehbar. „Aber es ist genau dieses Engagement an der Basis, das in kleinen Schritten letztlich Großes bewegt und Würdigung verdient“, betont Tobias Wrzesinski, der Geschäftsführer der DFB-Stiftung Sepp Herberger.

Dieter Denneborg mit Schaufel neben einem Förderwagen und einer Baustelle.

Dieter Denneborg: Bei der SSV Buer weit mehr als nur Platzwart.

Dieter Denneborg will gar nicht viel Aufhebens um sein Wirken machen. „Ich mache es aus Spaß an der Sache“, sagt er. Die Verbundenheit zu den Mitbürgern im einst selbstständigen Stadtteil Buer und zu der SSV, jenem Verein, bei dem er als zehnjähriger Knirps zu kicken begann, als Senior in der Landesliga spielte und später als Nachwuchstrainer und Schülerleiter tätig war, spielt zweifellos eine Rolle. „Er ist aber auch so ein Typ Mensch, der überall etwas anstößt, organisiert und jeden kennt. Er ist einfach ein Urgestein in Buer“, sagt Roberto Santulli, der immer wieder auf der Anlage anpackt. So war es wohl kein Zufall, dass Denneborg eines Tages darauf angesprochen wurde, ob er nicht ein Auge auf Menschen haben könne, die Sozialstunden ableisten müssen. „Ein Bekannter von der Kirche hat mich das gefragt. Dort war die Zusammenarbeit mit dem Amtsgericht schon üblich“, beschreibt der 67-Jährige.

Bilderrahmen mit den Trikots von Julian Draxler und Ilkay Gündogan an einer Wand

Julian Draxler und Ilkay Gündogan liefen für die SV Buer auf.

Gündogans einstiger Jugendverein

In der Führung des 800 Mitglieder zählenden Vereins, für dessen Nachwuchs einst Ilkay Gündogan und Julian Draxler aufliefen – stand man der Idee offen gegenüber. Denn dort herrscht ohnehin ein Klima von Toleranz und Solidarität. „Bei uns kommen Menschen mit mehr als 20 Nationalitäten zusammen“, betont Weichert. Man bemühe sich um Integration und Inklusion. Mit dem Engagement in der Resozialisierung lege man nur noch eine weitere Schippe drauf. Was überschaubar begann, hat inzwischen eine andere Dimension angenommen. Im vergangenen Jahr waren sogar einmal acht Leute gleichzeitig damit beschäftigt, vormittags die Wände des Vereinsheims anzustreichen, die Hecken zu stutzen und die Wege instand zu setzen. „Zu den Leuten gehören Jugendliche, Frauen und Männer allen Alters“, sagt Weichert. Meist vertraue man ihnen handwerkliche Tätigkeiten an.

Vermittlung von Werten

Dabei geht es aber weniger darum, dass Arbeiten erledigt werden. Es geht vielmehr um die Wahrnehmung gesellschaftlicher Verantwortung, um die Vermittlung von Werten wie Zuverlässigkeit und Respekt sowie einen strukturierten Alltag. „Wenn man eine Weile arbeitslos ist, ist man froh, wenn die Lust auf eine Zigarette morgens nicht der einzige Anlass ist aufzustehen“, sagt Frank, der eigentlich anders heißt. Der 59-Jährige hat gemeinsam mit seiner Frau Anfang des Jahres 80 Sozialstunden bei der SSV abgeleistet. Nun kommt er freiwillig, um ehrenamtlich im Verein anzupacken. „Die beiden sind nicht die einzigen, die hängengeblieben sind“, unterstreicht Denneborg. Es gehe eben sehr familiär zu, das gefalle vielen. Dennoch müsse sich jeder an Regeln halten. Alkohol oder Drogen sind tabu, angesagte Aufgaben müssen erledigt werden. Wer das nicht macht, muss mit Konsequenzen rechnen. Einer Ermahnung folge dann eine Meldung beim Amtsgericht. Aber das ist die Ausnahme. „Ich habe eigentlich nie richtig schlechte Erfahrungen gemacht“, so Denneborg. Ein Ende seines Engagements ist daher noch lange nicht in Sicht. Er wird also noch viele Male seinen besonderen Mitarbeitern die Anlage an der Löchterheide vorstellen und mit ihnen den selbstgestalteten Bergwerksstollens zwischen Ober- und Untergeschoss durchschreiten.