„Anderen Vereinen einen Denkanstoss geben“
08. Dezember 2020 Zurück zur Artikelübersicht »

Verleihung der Sepp-Herberger-Urkunden: „Preisträgern eine öffentliche Bühne bereiten“.

Fußballvereine überall in Deutschland helfen Risikogruppen beim Einkaufen. Oder stellen eine Mannschaft für eine Inklusionsliga. Noch bis zum 15. Januar kann jeder Fußballverein ganz unkompliziert und ohne großen Aufwand das eigene soziale Engagement darstellen und sich dadurch für eine der Sepp-Herberger-Urkunden bewerben. 16 besonders gelungene Aktivitäten erhalten im Rahmen einer Feierstunde Geldpreise im Gesamtwert von 55.000 Euro. Stiftungsgeschäftsführer Tobias Wrzesinski erklärt im DFB.de-Interview, warum es sinnvoll ist, über gute Taten auch zu sprechen.

DFB.de: Herr Wrzesinski, wie zufrieden sind Sie mit dem Rücklauf bisher?

Tobias Wrzesinski: Es ist bemerkenswert, dass Fußballvereine auch in Pandemie-Zeiten ihr Engagement aufrechterhalten und sich kümmern – sei es um Menschen mit einem Handicap, im Zusammenspiel mit den örtlichen Schulen und vielfach aktuell auch bei Corona-Hilfsmaßnahmen für Menschen aus der Risikogruppe. Das wollen wir anerkennen. Erstmals – und hoffentlich auch letztmals – werden wir Engagements auszeichnen, die einen Corona-Bezug haben. Es geht um Einkaufshilfen, andere Klubs haben die Menschen in Seniorenheimen besucht, wieder andere haben in Kliniken ausgeholfen, als dort Pflegepersonal ausgefallen war. Als im Sommer die Blutreserven knapp wurden, haben Vereine zusätzliche Spendentermine organisiert.

DFB.de: Lange Jahre wurden mit dem Preis im Jugendfußball aktive Vereine ausgezeichnet. In welchen Kategorien werden die Sepp-Herberger-Urkunden heutzutage verliehen?

Wrzesinski: Seit 2013 zeichnen wir Preisträger in den Kategorien, Behindertenfußball, Resozialisierung, Sozialwerk sowie in der Kooperation mit Schulen und Kindergärten aus. Das entspricht den Schwerpunkten unseres Stiftungswirkens. 2016 kam dann im Zusammenspiel mit dem Softwarekonzern SAP die Kategorie „Fußball Digital“ dazu. Sepp Herberger selbst hat die Marschroute vorgegeben. Er besuchte 1970 erstmals Strafgefangene, damals in der JVA Bruchsal. Für das Sozialwerk haben Sepp und Eva Herberger ihr Privatvermögen der Stiftung hinterlassen, um damit Fußballern zu helfen, die unverschuldet in Not geraten sind. Das alles entspricht also zu 100 Prozent dem Denken Herbergers. Uns liegen Engagements von Vereinen, die sich gerade in diesen beiden Bereichen im Sinne des „Chefs“ einbringen, verständlicherweise besonders am Herzen.

DFB.de: Hätte die Kategorie „Fußball Digital“ dem Trainer Herberger nicht auch gut gefallen?

Wrzesinski: (lacht) Das stimmt natürlich. Sepp Herberger hat im Rückblick auf sein „Fußball-Leben“ einmal gesagt: „Ich war ein Besessener“. Woher wusste er eigentlich alles über den nächsten Gegner? In einer Zeit, in denen der Weltfußball eben noch nicht im Fernsehen lief, mehr als ein halbes Jahrhundert, bevor das Internet aufkam. Trotzdem wusste er alles, egal ob die Gegner aus Uruguay kamen, aus Schweden oder Brasilien. Das ist doch ein Faszinosum der Fußballgeschichte. Horst Eckel oder Uwe Seeler schütteln heute noch den Kopf, wie detailliert der Chef die kommenden Gegner analysierte und bis ins kleinste Detail kannte. Ich bin mir sicher, würde er heute noch leben und arbeiten,  die neuen Möglichkeiten digitaler Datensammlung und Analyse würde er bestimmt ausgiebig nutzen.

DFB.de: Wie überzeugt sind Sie Stand jetzt, tatsächlich am 29. März im Mannheimer Rosengarten an die Siegervereine die Sepp-Herberger-Urkunden überreichen zu können?

Wrzesinski: Nichts ist dieser Tage in Stein gemeißelt. Ich bin aber Optimist. Aufgrund des Hygienekonzepts, das wir derzeit zusammen mit dem Team des Congresscentrums erarbeiten, könnte es sein, dass wir weniger Gäste begrüßen können als in den vergangenen Jahren. Die Verleihung am 9. März dieses Jahres in Berlin war fast die letzte größere DFB-Veranstaltung vor dem ersten Lockdown und vielleicht wird die nächstjährige Veranstaltung dann der erste größere Termin nach den Winter-Lockdowns sein.

Wrzesinski: „Bemerkenswert, dass sich Vereine auch in Pandemiezeiten engagieren“.

DFB.de: Warum soll sich ein Fußballverein für eine Urkunde bewerben?

Wrzesinski: Wir erleben jedes Jahr, dass uns Klubs schreiben, ihr Engagement für eine gute Sache sei doch selbstverständlich. Das ist aber nicht so. Wir freuen uns einfach, wenn wir solchen vorbildlichen Initiativen im Rahmen einer Abendveranstaltung, auch mit viel Fußballprominenz, Danke sagen können. Und wenn wir unseren Preisträgern eine öffentliche Bühne bereiten. Wir setzen darauf, über diese Leuchttürme andere Vereinen zu inspirieren, ihnen einen Denkanstoß zu geben. Ich kann insofern nur jeden engagierten Verein ermuntern, sich für eine Sepp-Herberger-Urkunde zu bewerben. Und ihr eigenes Best-Practice-Beispiel mit der Fußballfamilie zu teilen, damit wir alle voneinander lernen und im „Doppelpass“ noch vielfältiger engagiert sein können.

DFB.de: Wie setzt sich das Gesamtpreisgeld zusammen?

Wrzesinski: Wir schütten insgesamt 55.000 Euro an 16 Preisträger in sechs Kategorien aus. In den Kategorien Behindertenfußball, Resozialisierung, Schule und Vereine sowie Fußball digital jeweils 10.000 Euro. Hinzu kommen der mit 5000 Euro dotierte Horst-Eckel-Preis in der Kategorie Sozialwerk und der von der DFB-Stiftung Egidius Braun mit 10.000 Euro dotierte Sonderpreis für Corona-Engagements.

DFB.de: Wie wichtig ist es der DFB-Stiftung Sepp Herberger, möglichst viele Mittel an die Basis weiterzugeben?

Wrzesinski: Immens wichtig. Unser Auftrag ist es, genau die Menschen ideell und auch finanziell zu unterstützen, die sich auf so bemerkenswerte Weise und oft unbemerkt von einer breiten Öffentlichkeit für den Fußball einsetzen, die integrative Kraft unserer Sportart nutzen und mit ihrem Tun unsere Gesellschaft jeden Tag ein Stückchen besser machen. All das würde Sepp Herberger sehr freuen.