Ein besonderes Verhältnis: Fritz Walter und der „Chef“
29. Oktober 2020 Zurück zur Artikelübersicht »

Am 31. Oktober 2020 würde Fritz Walter 100 Jahre alt werden. Der DFB-Ehrenspieler war von 1977 bis zu seinem Tod im Juni 2002 als Repräsentant für die DFB-Stiftung Sepp Herberger engagiert und hielt das Vermächtnis von Sepp Herberger lebendig. Der freie Journalist Udo Muras beschreibt das besondere Verhältnis zwischen dem „Chef“ und seinem Kapitän.

Es war ein besonderes Verhältnis zwischen dem „Chef“ und seinem Kapitän.

Der Frankfurter Alfred Pfaff war ein großer Fußballer, nicht von ungefähr schaffte er es in den WM-Kader von 1954. Dass es damals in der Schweiz nur bei einem Einsatz und insgesamt für ihn sieben Länderspielen blieb, das lag an einem gewissen Fritz Walter. Das sahen die Experten so, das sah Pfaff so. Aber er sah auch das Verhältnis von Sepp Herberger zu Walter: „Der Fritz war halt sein Sohn“. Das war er zwar nicht, aber mancher Sohn hätte sich wohl einen solchen Vater gewünscht. Wenngleich es zwischen ihnen in den 37 Jahren ihrer Bekanntschaft auch stets beim „Sie“ blieb, ob schriftlich oder mündlich. Nur bei einer gemeinsamen Zugfahrt nach Mannheim, als Herberger längst nicht mehr sein Trainer war, da sei ihm mal „das Du rausgerutscht“, berichtete Walter in seinem Buch „Der Chef“. Er schrieb es zum Ende der Ära des Bundestrainers, im Kicker erschienen ab Mai 1964 Auszüge daraus – in einer 16teiligen Serie. Herbergers Nachfolger Helmut Schön spendete Beifall, denn „ich muss sagen, dass der Fritz den Bundestrainer wohl am besten kennt.“ In der Tat.

Mehr als nur Trainer und Spieler

Der Mann, der am Reformationstag 1920 geboren wurde, war 18 Jahre sein Spieler und bis zu Herbergers Tod sein Freund, danach sein geistiger Nachlassverwalter. Nun ging er für den Chef in die Strafanstalten und bei jeder Gelegenheit, besonders vor großen Turnieren, berichtete er vom Einfluss Herbergers auf seine „Männer“, der weit über das Spiel hinausging. Sicher auch für die damalige Zeit ungewöhnlich war es, dass zwischen einem Trainer und einem Spieler eine Freundschaft entstand, die im heutigen Profigeschäft weder ratsam noch denkbar erscheint. Aber den Chef und den Fritz verbanden Respekt und Vertrauen, wirklich enttäuscht haben sie einander selten.

Fritz Walter bei einem Besuch in der Justizvollzugsanstalt Düsseldorf.

Dreimal in all den Jahren hat Walter nicht gemacht, was Herberger wollte und, von außen betrachtet, kann man ihn gut verstehen: da war der tollkühne Plan, ihn drei Jahre nach Karriereende mit zur WM nach Chile zu nehmen. Da war Herbergers Wunsch, Fritz möge ihn als Bundestrainer ablösen und da war schließlich die auch von DFB-Präsident Hermann Neuberger geborene Idee, Fritz als Geschäftsführer der Sepp-Herberger-Stiftung einzusetzen. Dreimal sagte er mit Bedauern „Nein“.

Fritz Walter sah sich nie als Mann der ersten Reihe, das verhinderte schon seine Bescheidenheit. Selbst auf dem Platz wollte er, obwohl Kapitän und herausragender Spieler, nur ungern Kommandos geben. Herberger musste ihn regelrecht dazu antreiben. Er gehorchte, aber seine Natur änderte das nicht. „Ich bin nicht der richtige Mann für einen so verantwortlichen Posten“, wies er 1959 das Bundestraineramt, in das ihn Herberger einarbeiten wollte, sanft zurück.

Leicht fiel es ihm nicht, selbst über die Chile-Teilnahme dachte er ein paar Tage nach. Zu viel hatte er dem Chef zu verdanken und der ihm. „Eine uneingestandene Zuneigung kettete uns aneinander“, schrieb Walter. Sie entstand früh. 1938, Fritz war noch keine 18, wurde er erstmals von Herberger zu einem Lehrgang eingeladen. In Frankfurt. Herberger sprach kein Wort mit ihm, stand nur am Rande und machte seine Notizen. Dass Fritz es an diesem Tag ins berühmte Notizbuch schaffte, erfuhr er von Ex-Nationalspieler Karl Hohmann, dem Auswahltrainer des Südwest-Gaus. Er durfte also wiederkommen, 1939 nach Frankfurt, und die erste Mahnung, die er vom Chef erhielt, weil er Luftduelle scheute, lautete: „Merken Sie sich eins, Fritz, Fußball wird nicht nur am Boden gespielt.“ Fritz musste es sich nicht merken, er wusste es ja – bloß hatte ihm nach einem Zusammenstoß der Schädel gebrummt, was dem Chef wohl ausnahmsweise entgangen war. Ein Tadel stand am Beginn einer großen Karriere, die außer einem WM-Titel eine Freundschaft fürs Leben einbrachte. Schon nach Walters grandiosem Drei-Tore-Debüt 1940 gegen Rumänien ließ der Chef ihn wissen, er sei „einer von den wenigen weißen Raben, die auf Anhieb ihren Stammplatz in der Nationalmannschaft erhalten und ihn wohl auch behaupten werden.“ Walter trug das Lob im Herzen, frohlockend auf eine große Zukunft. Aber er hob nie ab und das verband ihn mit Herberger. Beide stammten aus einfachen Verhältnissen und blieben auf angenehme Weise einfache Leute. So einen konnte der Chef auch mal mit nach Hause nehmen: Als ein Länderspiel im Krieg kurzfristig abgesagt wurde, aber einige Spieler schon angereist waren, lud er sie ein in die Berliner Bülowstraße 89 und seine Ev machte Bratkartoffeln.

Fritz Walter (li.) sah sich nie als Mann der ersten Reihe, war eher bescheiden.

Herberger schon mehr „Mutter“ als Vater für Fritz

Als Deutschland 1940 in Zagreb spielte, gingen drei Spieler nach der Partie auf Zechtour und nahmen den schüchternen Fritz mit. Sie machten ihn betrunken, den Zapfenstreich überzogen sie alle vier. Dreien schrieb Herberger böse Briefe, „mir billigte er mildernde Umstände zu“. Im Oktober 1941 war Herberger schon mehr Mutter als Vater für Fritz. Auf dem Flug nach Schweden, dem ersten seines Lebens, bekam er durch den Luftdruck starke Ohrenschmerzen, die auch nach der Landung anhielten. Der Arzt hielt seinen Einsatz für ausgeschlossen, der Chef drängelte: „Kann man nicht doch was tun?“ Der Ausweg war eine Rosskur; alle zwei Stunden Tabletten. Die Betreuung übernahm Herberger, Zimmerpartner Andreas Kupfer wurde ausquartiert. Walter: „Alle zwei Stunden rappelte der Wecker. Wenn ich müde und zerschlagen die Augen öffnete, stand der Chef im Schlafanzug vor meinem Bett. In der einen Hand ein Glas Wasser, in der anderen die Tabletten. Und das die ganze Nacht durch.“ Walter konnte am nächsten Tag spielen.

Bekanntlich hat Herberger im Krieg für alle seine Nationalspieler sein Möglichstes getan, etwa um sie für gar nicht mal so wichtige Lehrgänge von der Front zu holen. Sein Einsatz für Fritz Walter war von besonderer Fürsorge geprägt. Er hatte sein Jahrhunderttalent gefunden und wollte es nicht verlieren. Zur Einberufung im Dezember 1940 riet er ihm: „Benutzen Sie den Dienst beim Militär als Trainingsgelegenheit. Ich habe als junger Soldat vor nunmehr über zwanzig Jahren es auch so gemacht und bin sehr gut dabei gefahren.“ Als Walter 1941 als schon bekannter Nationalspieler zu Einsätzen in der Pariser Soldatenmannschaft berufen wurde, intervenierte Herberger beim Oberfeldwebel und schon „war die ganze Angelegenheit in unserem Sinne erledigt“. In den letzten Kriegstagen, die Walter dank Herberger bei der Fliegerstaffel der „Roten Jäger“ an der Heimatfront auch Fußball spielend verbringt, schrieb er ihm: „Fritz, wenn wir überleben, dann werden Sie mal Nachfolger von Paul Janes als Spielführer. Überhaupt werden wir … wohl auf lange Zeit zusammenbleiben.“

Herberger Trauzeuge bei der Hochzeit von Fritz und Italia Walter

So kam es. Als Walter 1945 aus der Gefangenschaft heimkehrte und seinen 1. FC Kaiserslautern wiederaufbaute, war ihm der da noch arbeitslose Herberger mit Rat und Tat behilflich. Walter: „Um ehrlich zu sein, meine ganze Weisheit hatte ich Sepp Herberger abgeschaut.“ Berufliches und Privates vermischte sich in den Nachkriegsjahren und am 2. September 1948 fragte Walter den Chef: „Wollen Sie mein Trauzeuge sein?“ Herberger wollte, obwohl er seiner Frau Italia skeptisch gegenüberstand. Zunächst. Später war sie seine wichtigste Verbündete, wenn es galt, seinen Kapitän aus dem Loch zu holen, in das er sich verkrochen hatte. Wie nach dem denkwürdigen 1:3 von Paris im Oktober 1952, dem wohl schlechtesten Länderspiel Walters. Noch auf der Rückfahrt bot er Herberger seinen Rücktritt an, der lehnte ab und wies Italia telefonisch an, alle Zeitungen vor ihm „zu verstecken“. „Es gibt keine bessere Möglichkeit, Herbergers Freundschaft zu mir zu demonstrieren“, schrieb Walter.

„Der Meister“ und „sein Lehrbursche“.

Natürlich war sie nicht uneigennützig. Herberger brauchte ihn doch beim Wiederaufbau seiner Mannschaft, die erst ab November 1950 wieder spielen durfte und so stellte er Walter „ein Abonnement für die Länderspiele“ aus (Herberger-Nachlass). „Mit Ihnen hätte ich blind zusammengespielt“, ließ er Walter wissen und baute den überaus sensiblen Spiellenker wieder auf. Der ein ganzes Volk beglückende Lohn war die grandiose WM 1954, bei der er Walter mehrmals ins Vertrauen zog. Schon vor dem DFB erfuhr der Kapitän vom Plan, gegen die Ungarn eine B-Elf aufzustellen im Gruppenspiel und die Frage nach dem Rechtsaußen – Klodt oder Rahn – sollte Walter auch beantworten. Fritz wollte sich drücken, der Chef insistierte: „Nun sagen Sie doch, was Sie denken.“ Die gemeinsame Wahl fiel auf Helmut Rahn, dem Schützen des vielleicht wichtigsten Tores der DFB-Geschichte. Damals in Bern. Schön zu sehen für beide, wenn Vertrauen solche Früchte trägt.

1958 in Schweden erlebten sie ihre letzten gemeinsamen Tage im Dienste der Nationalelf, gegen seinen Rücktritt (mit 37) kämpfte der Chef noch einmal an. Selbst das Kompliment zum 38. Geburtstag half nichts: „Ihr Name, lieber Fritz, wird in der Geschichte des deutschen Fußballs in goldenen Lettern für alle Zeiten verewigt sein.“ Wer will, kann daraus Vaterstolz lesen.

Noch oft hat der eine den anderen um Rat oder Hilfe befragt, meist war es der Jüngere. Etwa welche Spiele er in sein Buch „Spiele, die ich nie vergessen werde“ einbauen solle oder ob er ihn nicht zu einer Preisverleihung begleiten könne. Frau Ev wäre sicher auch der Meinung. „Ei du kannst doch de Bub net alloi lasse?“ würde sie bestimmt sagen, witzelte er 1972.

Zwei große Persönlichkeiten, die neben einem WM-Titel eine Freundschaft verband.

Als Walter nach einer Operation im selben Jahr eine Kur in Italien machen sollte, bat er Herberger, sich dafür einzusetzen, dass der DFB ihm „einen eventuellen Zuschuss“ bezahle. Bei anderer Gelegenheit, in geschäftlichen Dingen, bezeichnete sich Walter im Januar 1972 selbst als Herbergers „Lieblingssohn“, der ihm nun auch noch Sorgen mache. Er hatte sich in diese Rolle eingefunden, nicht abgefunden. Es war ja so – Herbergers Testament gibt Auskunft darüber. Während er die anderen Helden von Bern mit je 1.000 DM zum 50. Geburtstag bedachte, erhielt Walter 3.000 DM. Ganz schön viel für einen „Lehrburschen“. Wie das?

Als Sepp Herberger 1964 in Hannover zum Abschied als Bundestrainer geehrt wurde und vor vollem Stadion eine Rede halten sollte, gab ihm Fritz den Ratschlag: „Am besten machen Sie’s kurz.“ Herbergers Konter rückte die Rangfolge wieder zurecht: „Jetzt gibt der Lehrbursche dem Meister schon Ratschläge.“ Aber er tat es mit einem Lächeln.