Fußball hinter Gittern – Rückkehr unter besonderen Bedingungen
10. Juni 2020 Zurück zur Artikelübersicht »

In der Jugendanstalt Hameln rollt wieder der Ball. Unter Beachtung von Abstands- und Hygieneregeln kehrten die Spieler des Teams der Initiative „Anstoß für ein neues Leben“ zurück auf den Fußballplatz. Die Sepp-Herberger-Stiftung versorgte die Verantwortlichen mit Tipps für die Gestaltung eines verantwortungsvollen Trainingsbetriebs im Rahmen der aktuellen Verfügungslage.

Freut sich, dass wieder Fußball gespielt werden darf: Sportübungsleiter Michael Wehmann (2.v.r.) beim Zielschuss

Es war exakt 16 Uhr an diesem Juni-Tag in der Jugendanstalt Hameln, als das Warten ein Ende hatte. Nach beinahe drei Monaten kehrten die Fußballer des Teams der Initiative „Anstoß für ein neues Leben“ zurück auf den Platz. „Die Jungs haben sich richtig gefreut, wieder gegen den Ball zu treten. Das hat man ihnen angesehen, obwohl noch nicht alles funktioniert hat. Es hat ja auch lange genug gedauert“, schmunzelt Michael Wehmann. Seit 2012 nimmt die JA Hameln an der bundesweiten Resozialisierungsinitiative der DFB-Stiftung Sepp Herberger und der Bundesagentur für Arbeit teil. Genauso lange kümmert sich Wehmann um das Team und das Training hinter Gittern. Erlebt hat der Sportübungsleiter dabei einiges. Doch die Corona-Pandemie mit Besuchsverbot, wochenlanger Unterbrechung des Trainingsbetriebs und der Sorge, das Virus könne die Haftanstalt erreichen, hatte mit den bisherigen Erfahrungen so gar nichts zu tun.

Inzwischen erlauben die behördlichen Vorgaben eine allmähliche Rückkehr zu vertrauten Abläufen. Auch wenn die Normalität noch ein gutes Stück entfernt ist. Das gilt für die Welt in Freiheit genauso wie für die hinter den grauen Betonmauern der Ende der 1970er-Jahre erbauten Haftanstalt unweit des Weserufers. „Kontaktsport ist weiterhin nicht möglich, aber vieles andere geht“, erklärt Dietmar Müller, der im Fachbereich Sport und Freizeit tätig ist und die Öffentlichkeitsarbeit der einzigen Jugendstrafanstalt Niedersachsens verantwortet. Die Tage, an denen sich die fußballbegeisterten Häftlinge mit Fußballgolf und Fußballtennis begnügen mussten, sind damit beendet. Sie sind zurück auf dem Fußballplatz, der vielen so viel bedeutet.

Chance auf gemeinsame Erfolgserlebnisse

Die Sepp-Herberger-Stiftung versorgte die Verantwortlichen in Hameln und den 20 weiteren Justizeinrichtungen, die an der Anstoß-Initiative teilnehmen, vor dem Re-Start eigens mit Tipps für die Gestaltung eines verantwortungsvollen Trainingsbetriebs. Erläutert wurden abwechslungsreiche Übungen, die in Kleingruppen unter Berücksichtigung der geltenden Abstands- und Hygieneregeln zu absolvieren sind. Wehmann nahm die Anregungen gerne auf. „Auch wenn nicht alles neu für mich ist, profitiere ich von den Tipps. Und das nicht nur beim Training im Gefängnis“, meint der 46-jährige B-Lizenzinhaber, der in seiner Freizeit den Kreisligisten VfB Eimbeckhausen trainiert. Entsprechend gut kennt Wehmann die Vorlieben, die alle Fußballer teilen. Nach Koordinations- und Techniktraining setzte er Torschusstraining auf das Trainingsprogramm. „Es liegt eben in der Natur eines Fußballers, dass er sehen will, wie der Ball im Netz zappelt“, lacht Wehmann.

Das sind die Momente, in denen nichts anderes zählt, als der perfekte Schuss, das Bezwingen des Keepers. Momente, die bestens geeignet sind, den Kopf frei zu bekommen und trübe Gedanken zu vertreiben, weiß Wehmann. „Sport spielt für die meisten Häftlinge bei der Gestaltung ihrer Woche eine große Rolle“, ergänzt sein Kollege Müller. Die Ablenkung vom Alltag hinter Schloss und Riegel und die Chance auf gemeinsame Erfolgserlebnisse treiben an.

Soziale Komponente von besonderer Bedeutung

Zu Gast in Hameln: Gewaltopfer Christoph Rickels berichtete von seinem Schicksal

Die Gegebenheiten in Hameln, wo derzeit 280 nach Jugendstrafrecht verurteilte Strafgefangene und 70 Untersuchungsgefangene einsitzen, sind durchaus ansprechend. Da die Anstalt im Süden der Stadt über eine relativ große Fläche verfügt, war Platz für den Bau einer Sporthalle, eines Basketballcourts sowie eines Aschen- und eines Rasenfußballplatzes. „Fußball ist hier die beliebteste Sportart“, hebt Wehmann hervor. Elf Häftlinge haben sich dabei mit gutem Verhalten das Privileg verdient, im Anstoß-Team dabei zu sein. Neben Maßnahmen zur beruflichen und schulischen Bildung bestreiten sie zusätzliche Trainingseinheiten, sind zum Teil in Ausbildungsprogrammen zum Junior-Coach oder Schiedsrichter eingebunden und sie haben immer wieder die Chance, ihren Horizont mit besonderen Erfahrungen zu erweitern. „Die soziale Komponente ist uns sehr wichtig. Hier waren schon Blindenfußballer für eine gemeinsame Übungseinheit zu Gast und Gewaltopfer Christoph Rickels hat den Häftlingen eindrucksvoll von seinem Schicksal berichtet“, sagt Wehmann und betont: „Gerade solche Aktionen fördern Empathie und Offenheit“.

Weitere Höhepunkte sind die Teilnahmen an Spielen gegen die Anstoß-Teams anderer Haftanstalten. „Darauf müssen wir jedoch vorerst noch verzichten“, erklärt der Sportbeamte. Das für den Frühsommer geplante Turnier um den Sepp-Herberger-Pokal muss Corona-bedingt entfallen. Die Normalität ist eben noch ganz nicht zurück. Doch immerhin stehen seine Jungs wieder auf dem Platz.