Jannik Schewes – Reha unter erschwerten Bedingungen
19. Mai 2020 Zurück zur Artikelübersicht »

Jannik Schewes hat vor zwölf Jahren einen schweren Schicksalsschlag erlitten. Ein Auto hat den damaligen DFB-Stützpunktspieler angefahren und dem Saarländer dabei schwerste Schädel-Hirn-Verletzungen zugefügt. Die Diagnose der Ärzte war erschütternd – Überlebenschance: Null Prozent. Aber der 24-Jährige hat sich zurück ins Leben gekämpft. Die DFB-Stiftung Sepp Herberger unterstützt Schewes seit Jahren. Selbst die Corona-Pandemie kann ihn nicht aufhalten, auch wenn seine umfangreichen Reha-Maßnahmen derzeit nur eingeschränkt möglich sind. Wie geht er mit der aktuellen Situation um? 

Vor zwölf Jahren erlebte Jannik Schewes einen schweren Schicksalsschlag.

Jannik Schewes ist ein Kämpfer. Eine Frohnatur. Ein Motivationskünstler. Aufgeben? Kommt in seinem Wortschatz nicht vor. Schlechte Laune? Kennt er nicht. Angst? Nein, hat er nicht. Vor den Herausforderungen, die noch auf ihn warten, sowieso nicht. Aber auch nicht vor der Corona-Pandemie, die gerade die ganze Welt beschäftigt. Es klingt hart, aber Schewes ist dem Tod schon einmal vor der Schippe gesprungen. Vor dem Virus hat er Respekt, er kennt die Gefahr, aber er lässt sich davon möglichst wenig beeinflussen.

Vor fast zwölf Jahren hat sich Janniks Leben vom einen auf den anderen Augenblick grundlegend verändert. Es war der 17. Juli 2008. Ein Donnerstag, ein helllichter Tag, gegen 17 Uhr. Jannik hatte einen Freund besucht und war nun mit dem Fahrrad auf dem Weg zur Kirche. Dort war er als Messdiener tätig. Aber er kam nie an. Ein Auto erfasste ihn mit 80 Kilometern in der Stunde, Jannik flog durch die Luft, landete auf der Windschutzscheibe und wurde auf den Asphalt geschleudert. Dann wurde es dunkel.

Jannik auf dem Weg zurück ins Leben.

Überlebenschance: Null Prozent

Bei dem Unfall hat er sich schwerste Schädel-Hirn-Verletzungen zugezogen – obwohl er einen Helm getragen hat. Er lag wochenlang im Koma und musste künstlich beatmet und ernährt werden. Die Prognosen der Ärzte zur Überlebenschance waren genauso eindeutig wie niederschmetternd: null Prozent. Aber sie lagen falsch. Gemeinsam mit seiner Familie hat sich Jannik auf den Weg zurück ins Leben gemacht. Er ist mühsam, steinig und immer wieder gibt es auch Rückschläge. Jannik musste alles neu erlernen. Das Sprechen, das Gehen, die gesamte Köperbeherrschung, einfach alles.

Seit vielen Jahren beteiligt sich die DFB-Stiftung Sepp Herberger monatlich an den entstehenden Kosten. Die eingesetzten Mittel stammen dabei direkt aus dem hinterlassenen Vermögen von Eva und Sepp Herberger. Die Hilfe für Fußballer in Not haben die Eheleute zum vorrangigen Verwendungszweck ihres Vermögens gemacht, das separat vom übrigen Stiftungsvermögen verwaltet wird. „Wir sind sehr dankbar für diese finanzielle Unterstützung“, sagt Hubert Schewes, der Vater von Jannik. „Ohne dieses Geld wäre es deutlich schwieriger, Jannik in dieser umfangreichen Form zu unterstützen.“

In Zeiten der Corona-Pandemie sind innovative Reha-Maßnahmen gefragt. © privat

Innovative Reha-Maßnahmen wegen Coronavirus

Und jetzt kommt auch noch das Coronavirus dazu. Jannik ist zwar nicht daran erkrankt, und er zählt auch nicht zur Risikogruppe. Aber die Reha-Maßnahmen, die ihm so unendlich wichtig sind, kann er derzeit nur eingeschränkt fortsetzen. „Vier Wochen lang konnte ich nur zu Hause vorwiegend unter Anleitung meiner Eltern trainieren“, erklärt der 24-Jährige. „Wir haben dabei Dinge geübt, die wir zuletzt etwas vernachlässigt hatten, weil wir keine Zeit hatten. Normalerweise bin ich sehr selten zu Hause, weil mich meine Eltern für die verschiedenen Maßnahmen viel herumfahren müssen. Es war sehr ungewohnt für mich, plötzlich viel Zeit zu Hause zu verbringen.“

Es würde niemand wundern, wenn Jannik mit seiner Vorgeschichte in ein Loch gefallen wäre und sich in sich selbst zurückgezogen hätte. Wenn er keine Lust mehr auf dieses Leben gehabt hätte. Jannik war ein super Fußballer, trainierte am DFB-Stützpunkt. Schnell, dribbelstark, körperlich immer auf der Höhe. Er war der wichtigste Spieler seiner Mannschaft, er war fast immer der Mittelpunkt eines großen Freundeskreises. Und dann kam dieser schreckliche Unfall. Eine wichtige Sache hat dieses Unglück ihm genommen: Er kann nicht mehr selbst kicken. Drei Dinge konnte der Unfall ihm nicht nehmen: Seine Freunde, seinen Lebensmut und seinen unglaublichen Selbstantrieb.

Unterstützung von allen Seiten

„Für Jannik hat der Tag nicht genug Stunden“, meint sein Vater Hubert, der gemeinsam mit seiner Frau Karin und dem zweiten Sohn Manuel fast Tag und Nacht für Jannik da ist und ihn unterstützt. „Er fordert nicht nur sich selbst total, er fordert auch uns. Es ist toll zu sehen, welche Fortschritte er in all der Zeit schon gemacht hat. Natürlich sind das oft nur ganz kleine Dinge, aber sie sind wichtig, um bei ihm die Motivation hoch zu halten.“

Grundsätzlich ist Jannik dankbar für alle Therapieformen, die ihm ermöglicht werden. Er lernt wieder das Sprechen, das Laufen, die korrekte Körperhaltung, die gesamte Motorik. Zuletzt ging vieles nur auf dem digitalen Weg. Das war ungewohnt, aber für Jannik ist entscheidend, dass er weitermachen kann. „Auch im Moment spüre ich totale Unterstützung von allen Seiten“, sagt er. „Manchmal habe ich den Eindruck, dass die Menschen mehr zusammenhalten und sich stärker gegenseitig unterstützen.“ Es ist typisch für Jannik: Selbst aus der Corona-Pandemie zieht er die positiven Aspekte heraus.

Neue Therapieform für Jannik – das sogenannte Vectortraining an einer Seilkonstruktion. © privat

Training an Seilkonstruktion

Vor einigen Wochen haben seine Eltern eine neue Form der Therapie für Jannik gefunden – das sogenannte Vectortraining. Dabei wird Jannik anhand einer Seilkonstruktion in einer Art Kletteranzug an der Decke befestigt. Dann muss er gewichtsreduziert Gehbewegungen üben – im Moment mit Mundschutz, um sich und seine Mitmenschen zu schützen. „Jeder neue Impuls ist wichtig“, unterstreicht Hubert Schewes. „Diese Belastung ist für ihn völlig neu und fordert ihn psychisch und physisch extrem. Nach den ersten Einheiten war er so nass geschwitzt, dass wir sein T-Shirt hätten auswringen können. Aber er war auch glücklich, weil es nach und nach besser geklappt hat.“

Jannik ist im April 24 Jahre alt geworden. Das ist deshalb ein wichtiger Punkt in seinem Leben, weil er jetzt zwölf Jahre ohne und zwölf Jahre mit der Beeinträchtigung lebt. „Normalerweise feiern wir jeden seiner Geburtstage im großen Kreis mit all seinen Freunden. Das sind immer Partys, die bis weit in die Nacht gehen. Jannik ist das wichtig“, sagt Hubert Schewes. „In diesem Jahr war das leider wegen Corona nicht möglich. Wenn es die Situation zulässt, werden wir das im Sommer nachholen. Das mussten wir ihm versprechen.“

Ein möglichst normales Leben führen

Für die Familie ist es oft ein schmaler Grat, auf dem sie sich bewegen: Einerseits wollen sie Jannik die bestmöglichen Reha-Maßnahmen ermöglichen. Andererseits ist es ihnen wichtig, dass er ein möglichst normales Leben führen kann, wie seine gleichaltrigen Freunde auch. Jannik will keine Sonderstellung einnehmen. Aber manchmal lässt sich das einfach nicht vermeiden. Es ist halt so, dass er im Alltag auf Hilfe angewiesen ist. Und das wird trotz aller Bemühungen auch für immer so bleiben. 

Jannik Schewes hat sich damit abgefunden. Er ist schließlich ein Kämpfer. Eine Frohnatur. Ein Motivationskünstler. Auch das Coronavirus konnte ihn bisher nicht stoppen.