Olympiasiegerin Annike Krahn zu Gast in der JVA Iserlohn
07. Dezember 2018 Zurück zur Artikelübersicht »

In Drüpplingsen endet die dörfliche Idylle abrupt. Am südlichen Rand des kleinen Iserlohner Stadtteils trifft der Blick auf die nackten Betonmauern der Justizvollzugsanstalt. „Das ist schon ein krasser Kontrast“, sagt Annike Krahn. Sie hat schon einiges gesehen, als eine der besten Fußballerinnen des Landes in Wattenscheid, Duisburg, Leverkusen, Paris und Rio de Janeiro gespielt. Die Welt hinter Gittern ist ihr aber fremd. Das geht einem Teil ihrer Begleiter nicht anders. Auch Angeline Ziehm, Charlotte Hahn und Kathrin Bothor vom örtlichen Kooperationsverein Borussia Dröschede waren noch nie im Knast. Im Rahmen der Initiative „Anstoß für ein neues Leben“ besuchen sie gemeinsam das Frauen-Team der JVA Iserlohn.

Ohne Berührungsängste: Annike Krahn und das Frauen-Team der JVA.

Sehr gespannt sei sie auf diesen Termin, hat Krahn tags zuvor gesagt. Und ihre Anspannung ist immer noch da. Dass das auch den weiblichen Jugendstrafgefangenen nicht anders geht, ist offensichtlich. Sie halten sich still an ihren mit Tee und Softdrinks gefüllten Pappbechern fest, während Anstaltsleiter Joachim Güttler die Gäste willkommen heißt. Locker, laut und lebendig wird es erst, als der Ball rollt. Krahn, das Trio von Borussia Dröschede und die zehn Spielerinnen des Anstoß-Teams lachen, flachsen und starten schließlich ein Trainingsmatch in der Sporthalle der JVA, in der seit Februar neben rund 210 männlichen auch 70 weibliche Insassen ihre Haftstrafe verbüßen.

Berührungsängste verschwinden

Das ist es, was Olaf Fiedler meint, wenn er sagt, Fußball funktioniert. Grenzen in den Köpfen und Berührungsängste verschwinden. Was zählt, ist das Miteinander, der Spaß, die geglückte Kombination und der Torerfolg. Auch hinter Gittern, wo Fiedler, Dennis Brocca und die übrigen Mitarbeiter für die Sportangebote zuständig sind und auch die Anstoß-Mannschaft betreuen. „Diese Initiative ergänzt wunderbar das Spektrum von Resozialisierungsmaßnahmen, mit denen wir arbeiten“, erläutert Güttler. Kommunikation und soziales Miteinander werden gefördert. „Und natürlich ist Fußball eine Abwechslung vom Haftalltag“, so Güttler weiter. Wie wichtig dieses Rüstzeug auch für die Zeit nach der Entlassung ist, betont Dorothe Müller, die als Teamleiterin Arbeitsvermittlung der Arbeitsagentur Iserlohn ebenfalls in die Anstoß-Initiative der Sepp-Herberger-Stiftung eingebunden ist: „Im Job muss man auch mit Kollegen klarkommen, Verantwortung übernehmen, sich unterordnen und Hilfestellung leisten. Die Fähigkeiten vermittelt einem der Mannschaftssport auf besondere Weise und davon profitieren die Spielerinnen, gerade dann wenn sie aus der Haft entlassen werden.“

Krahn erzählt in lockerer Runde von ihrer Karriere.

Genau darum geht es. Über den Fußball sollen Werte vermittelt und so Chancen eröffnet werden, für einen gelungenen Start nach der Entlassung und einen geregelten Alltag ohne Straftaten. „Wenn wir den Mädels etwas von den Tugenden eines guten Teamsportlers mitgeben können, haben wir einen guten Job gemacht“, sagt Fiedler. Wie gut das glücken kann, hat er im Juni besonders eindrücklich erfahren. „Die Tour zum Turnier um den Sepp-Herberger-Pokal in Berlin hat in drei Tagen grundsätzlich etwas verändert. Wir sind zu einer echten Mannschaft geworden“, beschreibt er.

Krahn: „Ihr könnt mutig sein!“

Krahn weiß, wovon er spricht. Sie hat in ihrer langen Karriere Welt- und Europameisterschaften erlebt und diese Turniere auch als Teil einer Mannschaft gewonnen. Ohne überragende technische Qualitäten, wie sie sagt. Kampf, Leidenschaft und Engagement waren die herausragenden Tugenden, die sie zu 137 A-Länderspielen und Olympia-Gold getragen haben. Die Medaille hat sie mit nach Iserlohn gebracht und lässt sie kreisen. „Geil, ich kenne jetzt eine Weltmeisterin und Olympiasiegerin“, entfährt es einer Spielerin des Anstoß-Teams stolz. Doch Krahn will nicht mit ihrer Karriere prahlen. Sie will zuhören, sich informieren, ein bisschen von ihrer Geschichte erzählen und motivieren. „Auf dem Platz könnt ihr fast alles machen. Ihr könnt mutig sein“, appelliert die 33-Jährige, die beruflich für den Fußball- und Leichtathletik-Verband Westfalen (FLVW) tätig ist. Krahn spricht über Fußball, aber meint wohl das Leben. Alina (19), die in Wahrheit anders heißt, weiß, wovon die prominente Besucherin spricht. Noch acht Monate muss sie absitzen und bis dahin will sie ihren Hauptschulabschluss machen. Fußball gebe ihr viel, sagt sie. „Es ist ein Ventil, wenn mir hier drin alles zu viel wird. Und man lernt, sich Ziele zu setzen.“

Krahn ist beeindruckt von der Offenheit der Häftlinge. Der direkte Austausch mit ihnen und der Blick in Zellen, Küchen und Gemeinschafträume des Gefängnisses sei unglaublich interessant, hebt sie hervor. Sie nehme viele Eindrücke mit. Auch der Vorsitzende des Fußballkreises Iserlohn Horst Reimann ist angetan. „Der FLVW steht hinter der Initiative. Wir wollen aktiv mithelfen, dass die Frauen nach der Inhaftierung den Weg in die Fußballvereine finden“, betont er. Kurz darauf öffnet sich wieder die grüne Stahltür. Krahn, Reimann und die übrigen Besucher lassen die kahlen Betonmauern hinter sich und kehren zurück in die dörfliche Idylle von Drüpplingsen. Genau diesen Weg werden auch die Spielerinnen der Anstoß-Mannschaft irgendwann nehmen. Alle in der Hoffnung, nie mehr in die JVA zurückzukehren.