Anstoß für ein neues Leben: Davie Selke besucht JSA Berlin
29. November 2018 Zurück zur Artikelübersicht »

Für rund 20 jugendliche Strafgefangene aus der Jugendstrafanstalt (JSA) Berlin war es kein alltäglicher Nachmittag. Am Dienstag hatte der Berliner Fußball-Verband (BFV) erneut zu seiner traditionellen Jahresabschlussfeier in die Sporthalle der Justizeinrichtung in Plötzensee geladen und es kamen prominente Gäste. Gemeinsam mit seinem Hertha-Kollegen Andreas „Zecke“ Neuendorf war U21-Europameister Davie Selke zu Gast, um mit den Jugendlichen ins Gespräch zu kommen. Im Rahmen der Initiative „Anstoß für ein neues Leben“ unterstützt die Sepp-Herberger-Stiftung das vorbildhafte Engagement in der Bundeshauptstadt.

Gemeinsam mit David Kadel, der als Autor und Motivationscoach im Profifußball tätig ist, und den Stiftungskuratoren Michael Herberger und Bernd Schultz nahmen sich Selke und Neuendorf viel Zeit für die Jugendlichen. Neuendorf, der aktuell als Jugendtrainer bei Hertha BSC tätig ist, wies auf Parallelen zwischen der Arbeit im Nachwuchsleistungszentrum und den Resozialisierungsbemühungen hin: „Jeder Mensch muss seinen eigenen Weg gehen. Als Trainer unterstütze und begleite ich die Nachwuchstalente bei diesem Prozess. Die Spieler entscheiden aber, ob sie meine Ratschläge befolgen und ihre Chancen ergreifen, oder eben auch nicht.“

Ist den Weg der Resolzialisierung bereits erfolgreich gegangen – Omar Omari (li.)

Gleiches gilt für die Initiative „Anstoß für ein neues Leben“. Den Jugendlichen werden innerhalb der teilnehmenden Haftanstalten durch die jeweiligen Projektpartner verschiedene Möglichkeiten gegeben, um bestmöglich auf den Neustart nach der Inhaftierung vorbereitet zu sein. Gerade in Berlin wird die Projektidee seit vielen Jahren besonders intensiv umgesetzt. Bereits seit dem Jahr 1997 engagiert sich der Fußballverband hinter Gefängnismauern und leistet dort gerade durch Vizepräsident Gerd Liesegang bemerkenswertes. Omar Omari steht stellvertretend für das erfolgreiche Engagement des Verbandes. Der junge Mann verbrachte vier Jahre in Haft. Heute steht er mitten im Leben, leitet als Schiedsrichter Spiele in der Bezirksliga und trainiert nebenbei ehrenamtlich die Fußballmannschaft in der JSA Berlin. „Ich wollte immer Profi werden. Das habe ich leider nicht geschafft. Der Fußball war aber immer meine Familie und gab mir Halt während und nach der Inhaftierung“, sagte Omari.

Selke: „Ich habe nichts geschenkt bekommen!“

Aus seiner Lebensgeschichte berichtete Davie Selke. Der U21-Europameister von 2017 und Silbermedaillengewinner bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro lebt heute seinen Traum. Der 23-Jährige, der am vergangenen Wochenende noch einen Treffer beim 3:3 der Hertha gegen Hoffenheim vorbereitete, betonte: „Ich habe nichts geschenkt bekommen. Man muss sich stets reflektieren und Durchhaltevermögen beweisen.“ Demut und Dankbarkeit sind dem Vollblutstürmer besonders wichtig. „Lasst euch nicht hängen und steht auf, wenn ihr am Boden seid“, appellierte Selke. David Kadel, der Selke als Mentaltrainer begleitet, sprach vom Wandel „vom Gescheiterten zum Gescheiten“: „Das Scheitern an sich ist nicht das Schlimme. Es geht vielmehr darum, welche Schlüsse ich aus meinen negativen Erfahrungen ziehe.“

Michael Herberger (l.) und BFV-Präsident Bernd Schultz (r.) übergaben Präsente an die Jugendstrafgefangenen.

„Come back stronger“ – eine Lebenseinstellung, die für Profifußballer nach einer längeren Verletzung gilt, trifft mit Blick auf ihre eigene Zukunftsgestaltung genauso auf die jugendlichen Strafgefangenen zu. „Eine positive innere Einstellung macht dich stark. Und dabei ist es auch egal, ob ich beim nächsten Spiel in der Bundesliga zur Startelf gehören oder eine Arbeitsstelle nach meiner Entlassung antreten möchte“, so Kadel. Worte, die ankamen.