10 Jahre DBFL: “Der Blindenfußball ist auf dem Weg in die Mitte der Gesellschaft!“
30. April 2018 Zurück zur Artikelübersicht »

Vor zehn Jahren startete die Blindenfußball-Bundesliga (DBFL). Wer einmal einem Spitzenteam wie etwa dem FC St. Pauli, dem MTV Stuttgart oder den Sportfreunden Blau-Gelb Blista Marburg zugeschaut hat, wird es nie vergessen. Blinde Menschen können großartig Fußball spielen. Seit 2008 wird Europas einzige nationale Fußballliga für blinde und sehbehinderte Menschen durch Deutschlands älteste Fußballstiftung organisiert. Tobias Wrzesinski, Geschäftsführer der DFB-Stiftung Sepp Herberger, spricht über den Saisonstart an diesem Samstag und die Gründe für eine unerwartete Erfolgsgeschichte.

DFB.de: Herr Wrzesinski, verraten Sie uns bitte, wie es Ihnen gelungen ist Timo Hildebrand, Benjamin Lauth und André Trulsen davon zu überzeugen, eine Augenbinde anzulegen?

Tobias Wrzesinski: Das werden die drei in der Tat zum ersten Mal machen. In Wangen im Allgäu feiern wir jetzt am Samstag den Start in die neue Saison der Blindenfußball-Bundesliga. Und in diesem Rahmen stellen wir Timo Hildebrand als neuen Botschafter der DFB-Stiftung Sepp Herberger vor. Er sagte sofort, diese Selbsterfahrung fände er spannend, das wolle er unbedingt machen. Unterstützt wird er unter anderem durch Benni Lauth und André Trulsen, die er beide selbst dafür begeistert hat.

DFB.de: Trulsen hat zwischen 1986 und 2002 fast 400 Spiele für den FC St. Pauli bestritten, Lauth und Hildebrand waren beide Nationalspieler. Wird trotzdem schwer, oder?

Wrzesinski: Ich bin gespannt. Sie treten gegen eine Auswahl der Blindenfußball-Bundesliga an. In Nordrhein-Westfalen haben wir das vor langer Zeit schon mal gemacht, damals unter anderem mit Delron Buckley. Und der FC Bayern München – damals Arjen Robben und Thomas Müller meine ich – hat im Trainingslager am Gardasee einmal eine ähnliche Selbsterfahrung ausprobiert.

DFB.de: Wie zufrieden sind Sie mit der Entwicklung des Blindenfußballs?

Wrzesinski: In den zehn Jahren seit der Gründung im Jahr 2008 hat sich die Blindenfußball-Bundesliga sehr gut entwickelt. Anfangs haben wir auf den bestehenden Anlagen gespielt, zum Beispiel in Köln, Stuttgart und Gelsenkirchen. Auch heute nutzen wir noch diese Infrastruktur, gehen aber seit dem Jahr 2011 mit dem Saisonauftakt und dem Finale ganz bewusst den Weg in die Öffentlichkeit. In zentraler Innenstadtlage bauen wir den bandenumrandeten 40 mal 20 Meter großen Kunstrasen auf. In Hamburg auf dem Rathausplatz, vor dem Schloss in Stuttgart, in München auf dem Olympiagelände, bei der „Fußballiade“ des Bayerischen Fußball-Verbandes in Landshut, auf den Marktplätzen in Rostock und Halle an der Saale oder in Freiburg am Münster. Wir wollen frei nach dem Motto „Mit Fußball in die Mitte der Gesellschaft“ mitten rein, mitten ins Leben, dorthin, wo die Menschen sind. Zehntausende Menschen haben wir so bisher erreicht, Menschen, die sonst wahrscheinlich nie in Berührung mit dem Blindenfußball gekommen wären. Menschen, die am Wochenende eigentlich zum Einkaufen in die Stadt gingen, und dann feststellen durften, hier sind Fußballerinnen und Fußballer mit Handicap, die nicht irgendwo abgekapselt leben, sondern die studieren, die arbeiten gehen. Und die ganz hervorragend und selbstverständlich Fußball spielen, mit ungeheuer viel Mut und auch Vorstellungskraft. Das ist immer wieder ein inspirierendes Erlebnis. Bis mindestens zum Jahr 2020 werden wir diesen Weg mit unseren Partnern weitergehen.

DFB.de: Stimmt es, dass Sie anfangs durchaus Überzeugungsarbeit leisten mussten?

Wrzesinski: Unter den blinden Spielern war die Städteserie in der Tat anfangs nicht ganz unumstritten. Es gab Ängste, manche hatten die Sorge, sie könnten vorgeführt werden. Wir haben diese Reaktionen sehr ernst genommen, haben um Vertrauen geworben und arbeiten kontinuierlich dafür, diesem Vertrauen gerecht zu werden. Wir wollen mit der Serie für den Inklusionsgedanken werben. Gerade der Blindenfußball eignet sich durch seine Faszination dafür ganz hervorragend, oder hätten Sie sich vorstellen können, das blinde Menschen auf diesem Niveau Fußballspielen können? Die Akteure sind die Botschafter für eine große Sache, dafür, dass es tatsächlich keine Grenzen gibt. Im Mai 2010 haben wir vor dem Reichstag in Berlin mit einem Länderspiel gegen die Türkei ausprobiert, ob das so geht. Und es geht sehr gut. Warum sollte man den Behindertenfußball verstecken?

DFB.de: Was war noch wesentlich für die Erfolgsstory Blindenfußball?

Wrzesinski: Durch den Beitritt von bekannten Profiklubs wie Borussia Dortmund, FC Schalke 04 und dem FC St. Pauli hat die Liga enorm an Profil gewonnen. Die blinden Fußballerinnen und Fußballer stehen eben nicht außerhalb, sondern sind aktive Mitglieder der großen Fußballfamilie. Alle am Ligaspielbetrieb teilnehmenden Klubs sind reguläre Fußballvereine und damit auch Mitglieder des DFB und seiner Landesverbände. Klar, dass der Deutsche Meister am Saisonende dann auch die offizielle Meisterplakette des Deutschen Fußball-Bundes erhält.

DFB.de: Gibt es Partner der Liga?

Wrzesinski: Ja, seit dem Jahr 2017 ist die Telekom Partner der Serie und wir sind sehr froh, dieses große Kommunikationsunternehmen gewonnen zu haben. Auch das finanzielle Engagement der Telekom hilft uns, den Ligabetrieb weiter betreiben zu können. Zudem setzen wir einen guten Teil der Zuwendungen der „Freunde der Nationalmannschaft“, dem Förderverein unserer Stiftung, für die europaweit einzigartige Spielrunde ein.

DFB.de: Unterstützt die Stiftung auch die Blindenfußball-Nationalmannschaft?

Wrzesinski: Die Nationalmannschaft fällt in die Zuständigkeit des Deutschen Behindertensportverbandes (DBS). Blindenfußball ist die einzig paralympische Fußballfacette. Der DBS ist das Nationale Paralympische Komitee. Wir arbeiten mit den Kollegen eng und vertrauensvoll zusammen und veranstalten gemeinsam mit dem Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband seit Anbeginn die Blindenfußball-Bundesliga. Der DBS weiß, dass wir die Mannschaft, wann immer nötig, unterstützen. Vom 1. bis 3. Juni 2018 finanzieren wir beispielsweise eine Länderspielreise nach Russland. Dann trifft das Team um Trainer Peter Gößmann in St. Petersburg auf die Gastgeber und Belgien.

DFB.de: Und welcher Promi hat sich in zehn Jahren Blindenfußball-Liga besonders geschickt angestellt?

Wrzesinski (lacht): Der damalige Bundestagspräsident Norbert Lammert hat seinerzeit beim Tag des Blindenfußballs vor dem Reichstagsgebäude zusammen mit Thomas de Maizière eine sehr gute Figur gemacht. Auch Uwe Seeler war wiederholt dabei und ziemlich treffsicher.