„Sepp Herberger lockte nicht mit Geld, sondern mit Anerkennung“ – Historiker Prof. Dr. Peter Steinbach im Gespräch
25. März 2012 Zurück zur Artikelübersicht »

Professor Peter Steinbach ist ein renommierter deutscher Historiker und Politikwissenschaftler. Seit 1989 ist er wissenschaftlicher Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin. Er lehrte unter anderen an den Universitäten in Passau, Berlin sowie Karlsruhe. Seit 2007 ist er an der Universität Mannheim Inhaber des Lehrstuhls für Neuere und Neueste Geschichte. Im Gespräch mit Nicola Kiermeier spricht Professor Steinbach über Sepp Herberger.

Nicola Kiermeier: Sepp Herberger – Ein Mann der schon zu Lebzeiten eine Legende wurde. Als „Vater“ der Nation war er in der ganzen Bundesrepublik bekannt. Welche Rolle hat Herberger in der deutschen Geschichte und wo steht er in unserem heutigen Bewusstsein?

Prof. Peter Steinbach: Sepp Herberger verkörpert mehr als spielerischen Erfolg und muss uns heute mehr bedeuten als eine Legende zu Lebzeiten. Er verkörperte den Typus des nach vorn strebenden Deutschen in der frühen Phase des Wiederaufbaus, am Beginn des Wirtschaftswunders. Insofern waren seine Bescheidenheit in der Lebensführung, ebenso seine Fixierung auf Ziele, die nicht mit materiellem oder finanziellem Erfolg identisch waren, die Voraussetzung für die große Anerkennung, die er fand – neben den spielerischen Erfolgen seiner Mannschaft, die ebenso diese Ziele verkörperte. Wenn Herberger also verklärt wird, dann auch, weil er für sportlich-spielerischen Erfolg steht, der sich in den fünfziger Jahren nicht in hohen Gagen und Preisgeldern niederschlug. Heute wird er ebenso respektiert wie die bedeutendsten seiner Spieler, weil sie dem Fußball dienten, ohne an ihm verdienen zu wollen. Symbol dieser Selbstlosigkeit war Fritz Walter, ebenso wie Herberger eine Verkörperung des Zeitgenossen, der nach vorne schaute und sich nach vorne arbeitete. Und natürlich war Herberger einer der Ersten, die eine Spielsituation und einen Spielausgang knapp, schlüssig und einprägsam kommentierten ohne die Mannschaft nach Niederlagen zu beschimpfen oder den Gegner zu schmähen. Er lieferte kernige, zitierbare Sprüche, die bis heute, ähnlich wie Texte von Loriot, in den Sprachhaushalt der Deutschen eingingen. Herberger verkörperte schließlich Fußball als Regelsystem, das der Charakterbildung diente. Regel waren zu respektieren, nicht auszutricksen. Denn Siegen war nicht alles, sondern ebenso wichtig war die Anerkennung des Gegners.

Nicola Kiermeier: Der 3:2-Endspielerfolg der „Berner Helden“ wurde später vielfach als die eigentliche Geburtsstunde der Bundesrepublik bewertet. Wie wichtig war der Gewinn der Weltmeisterschaft 1954 in Bern für die noch junge Republik?

Prof. Peter Steinbach: Der Erfolg der deutschen Nationalmannschaft in Bern 1954 wurde zuweilen zum „Gründungsmythos“ der Bundesrepublik verklärt. Diese Bewertung übersieht die Bedeutung politischer Ereignisse, die vorangegangen waren und den Grund für ein neues deutsches politisches Selbstbewusstsein gelegt hatten: Verabschiedung des Grundgesetzes, erste internationale Verhandlungen, Beginn der europäischen Integration. Zum Mythos wird ein Ereignis in der rückblickenden Deutung. Vergessen ist, dass das Endspiel nicht einmal durchgängig im Hörfunk übertragen wurde. Die Rundfunkkommentatoren des Spiels, Herbert Zimmermann und Rudi Michel, trugen ebenso zum Nachruhm des Spiels bei wie die Tatsache, dass damals sogar in der DDR von „unserem Sieg“ gesprochen wurde. Es war kein westdeutsches, sondern ein gesamtdeutsches Ereignis. Wichtiger als die viel später erfolgte Mythisierung des Spielausgangs sind die Inszenierungen des Triumphes, die Beschwörung des Mannschaftsgeistes von Spiez, die triumphale Heimfahrt nach München, die Ehrungen in den Wohngemeinden der Spieler.

Nicola Kiermeier: Das Thema „Herberger unter dem Hakenkreuz“ wird auch heute noch stark diskutiert. Welche Rolle kam Herberger als Reichstrainer in den Zeiten des Nationalsozialismus zu beziehungsweise wie sehr war Sepp Herberger doch ein „Kind seiner Zeit“?

Prof. Peter Steinbach: Das Problem des Sportlers ist, dass er sich im Wettkampf messen will. Er sucht den Erfolg und den Beifall. Dies macht ihn schwach angesichts moralischer Herausforderungen. Herberger war seit dem 1. Mai 1933 Mitglied der NSDAP und erlag so den Sogströmungen seiner Zeit, zugleich ehrgeizig und erfolgsorientiert. Wenn sich im Fußball politische und soziale, auch ideologische Strömungen und Wertvorstellungen der Zeit niederschlagen, dann ist es nicht überraschend, dass die Politisierung der deutschen Gesellschaft auch die Fußballspieler prägte. „Der Mensch sei seiner Zeit ähnlicher als seinem Vater“, hatte einmal der aus Baden-Baden stammende Schriftsteller Reinhold Schneider geschrieben.
Viel bedenklicher ist die nach 1945 ausbleibende Reaktion Herbergers. Aber auch in dieser Hinsicht ist er Repräsentant der Gesellschaft, die eher auf das Beschweigen denn auf die Erklärung und das Bedauern von Fehlverhalten setzt. Heute wissen wir, dass ein Mensch nicht nur über eine einzige Handlung zu identifizieren ist. Gustav Radbruch, der Heidelberger Rechtsgelehrte, sagte einmal: „Es gibt nur die fließende Ganzheit eines Lebens, das aus vielen einzelnen Handlungen besteht.“ Insofern wäre es ebenso falsch, die Verwebung Herbergers in die nationalsozialistische Zeit nicht zu thematisieren, wie es falsch wäre, ihn an seiner politischen Verirrung von 1933 zu messen, die sich im Parteieintritt ausdrückt. Ganz anders wäre er zu beurteilen, wenn er mit nationalsozialistischen Verfolgungs-, Gewalt- und Kriegsverbrechen in Verbindung gebracht werden könnte. Dem ist aber nicht so. Also war er nicht nur Kind der NS-Zeit, sondern aller politischen Systeme, in denen er lebte: Kaiserzeit, Weimarer Republik, NS-Staat, Nachkriegszeit, Bundesrepublik und schließlich auch in dem sich integrierenden Europa.

Nicola Kiermeier: Unangefochten stehen die Leistungen des Fußballbesessenen auch heute noch für ein Nebeneinander von Kontinuität und Offenheit für das Neue. Was können wir sonst noch in die heutige Zeit mitnehmen?

Prof. Peter Steinbach: Jeder, der sich an Sepp Herberger erinnert, wird ein wenig von seinen Wertvorstellungen, auch von seiner Gesellschafts- und Kulturkritik mit seiner Person verknüpfen. Er stand für Spielleidenschaft und Fußballsport und hat erheblich dazu beigetragen, dass dessen gesellschaftliche Anerkennung wuchs. Er lockte nicht mit Geld, sondern mit Anerkennung. Weil Fußball ein Kampf- und ein Mannschaftssport ist, ist er besonders prädestiniert, gesellschaftliche Vorstellungen zu reflektieren. Die sahen in den fünfziger und sechziger Jahren anders aus als in der Zeit nach Helmut Schön, der noch ein Kind der „Herberger-Zeit“ war. Die Kommerzialisierung des Fußballs spiegelt wiederum unsere Gesellschaft, die sich tagtäglich an den Wettdaten der Börse orientiert. Insofern verkörpert Herberger einen Mythos des „Dienens“, der Bescheidenheit, der Einordnung, des Mannschaftsgeistes, der Spielfreude. Sich gut behauptet zu haben, war selbst nach einer Niederlage wichtiger, als um jeden Preis zu siegen. Schiedsrichterbestechung, Wettmanipulationen, Spielerstreiks, das wäre in der Zeit Sepp Herbergers undenkbar gewesen.

Nicola Kiermeier:
Vielen Dank für das Gespräch.