„Anstoß für ein neues Leben“ – Junioren-Nationalspieler besuchen JVA Siegburg
15. September 2010 Zurück zur Artikelübersicht »

Sie sind Profifußballer und Junioren-Nationalspieler – einer von ihnen debütierte am Wochenende vor 50.000 Zuschauern in der Fußball-Bundesliga. Bei ihrem Besuch in der Jugend-Justizvollzugsanstalt (JVA) Siegburg trafen sie auf eine völlig andere Fußballwelt. Reinhold Yabo, Christian Clemens und Bienvenue Basala-Mazana besuchten am Montag im Dienste der Sepp Herberger-Stiftung die Teilnehmer des Projekts „Anstoß für ein neues Leben“. Zusammen leiteten die Nachwuchsspieler eine Trainingseinheit und berichteten ausführlich über ihre sportlichen Laufbahnen.

Die Begrüßung fiel sehr herzlich aus. Als Sami, einer der Projekt-Teilnehmer, gemeinsam mit seinen Team-Kollegen auf die drei prominenten Gäste aus Köln traf, war die Freude groß. Zusammen hatte er mit Bienvenue Basala-Mazana einst beim 1. FC Ringsdorff-Godesberg gespielt. Anschließend entwickelten sich die Lebensläufe der beiden Fußballer komplett unterschiedlich. Basala-Mazana wurde Junioren-Nationalspieler, gewann mit dem U17-Team die Europameisterschaft und gehört heute zum Profikader des 1. FC Köln. Sami ist seit mehr als drei Jahren in der JVA Siegburg inhaftiert. Er hat seine Haftstrafe genutzt: zwei Schulabschlüsse erfolgreich abgelegt. Im nächsten Frühjahr wird er entlassen. Danach wird er an einem Abendgymnasium das Abitur machen. „Ich will nicht mehr hierher zurück“, betont der begeisterte Fußballer.Die Projekt-Teilnehmer führten ihre prominenten Gäste „durch ihre Welt“. Die Welt der JVA Siegburg. Die 18 und 19 Jahre alten Profispieler besichtigten Hafträume und die Ausbildungsstätten. In der KFZ-Werkstatt der JVA erfuhren sie unter anderem, dass aktuell drei Teilnehmer des „Anstoß-Projekts“ ihre Ausbildung abschließen und nach der nahenden Haftentlassung in diesem Beruf weiterarbeiten werden. „Gerade der fließende Übergang aus der Haft in feste Arbeits- und Ausbildungsstellen ist eine der entscheidenden Säulen unseres Projekts“, informierte Tobias Wrzesinski, der stellvertretende Geschäftsführer der ältesten deutschen Fußballstiftung.
Nach dem Rundgang durch die JVA lag die Wahrheit auf dem Platz: unter aktiver Beteiligung der FC-Stars absolvierten die 12 Projekt-Teilnehmer eine Trainingseinheit. Aufwärmspiele mit dem Ball, Passübungen und Dribblings – danach ein Abschlussspiel.
Bei einer abschließenden Gesprächsrunde berichteten die Nachwuchsspieler von ihrem Alltag. So erzählte Reinhold Yabo, dass alle drei derzeit neben dem Fußball ein Fernstudium absolvieren. „Damit wir auch nach der Spieler-Karriere eine Perspektive haben“, sagt der kürzlich mit der Fritz-Walter-Medaille ausgezeichnete U19-Nationalspieler. Viele Fragen hatten die drei Nachwuchsspieler an ihre Altersgenossen in der JVA. „Hat Euch die Haftzeit hier verändert?“, „Auf was freut ihr Euch draußen am meisten?“, „Wie sieht Euer Tagesablauf aus?“.
Es war ein interessanter und angeregter Erfahrungsaustausch. Erfahrungen aus zwei unterschiedlichen Welten junger Fußballer…
„Anstoß für ein neues Leben“ – Ein Langzeitprojekt in der ResozialisierungGemeinsam mit dem Justizministerium Nordrhein-Westfalen sowie dem NRW-Handwerk initiiert die Sepp Herberger-Stiftung seit dem Jahr 2008 dieses Pilotprojekt. In den insgesamt sechs beteiligten Jugendstrafanstalten trainieren die „Anstoß-Teams“ regelmäßig. Zudem werden immer wieder Freundschaftsspiele gegen die übrigen JVA-Mannschaften ausgetragen. Die Sportgruppen werden durch prominente Projektpaten begleitet. So engagieren sich Steffi Jones, Klaus Fischer, Lukas Podolski, Heiko Herrlich und viele andere für die Sepp Herberger-Stiftung in diesem Projekt. Neben fünf „reinen“ Männermannschaften ist mit dem Team der JVA Köln-Ossendorf auch eine Frauenmannschaft mit von der Partie.Im Laufe ihrer Haftzeit lernen die jugendlichen Gefangenen einen Handwerksberuf. Primäres Ziel des Projekts ist es, die jugendlichen Straftäter nach ihrer Haftentlassung aktiv in Arbeitsstellen zu vermitteln. Aber gerade auch die Integration in die mehr als 26.000 Fußballvereine soll aktiv zur Resozialisierung beitragen.
Sportlicher Höhepunkt ist das jährliche Turnier um den Sepp Herberger-Pokal. Mit Begleitung von Stiftungsbotschafter Oliver Kahn fand das Turnier in diesem Jahr am Samstag, 04. September 2010, in der JVA Köln-Ossendorf statt.